Ein Leitfaden für Künstler*innen für Foto & Video

Wenn es um den professionellen Aufbau einer multimedialen Online-Präsenz geht, haben viele Künstler*innen Unsicherheiten, Druck und Stress. In meinem Projekt habe ich über ein halbes Jahr mit verschiedenen Künstler*innen gearbeitet und multimediale Inhalte aller Art erstellt. Am Ende entstand daraus ein Leitfaden.

Brauche ich ein Showreel? Warum machen alle ein About-Me-Video? Bei wem mache ich meine neuen Headshots? Und – brauche ich wirklich eine Website? Das sind Fragen, die mich während meines Studiums immer wieder erreicht haben.

Das Problem ist einfach: Was sonst auf der Bühne passiert, soll digital beworben werden. Ein anderes Medium mit anderen Anforderungen. Es gibt viele Angebote von Profis im Bereich Foto und Video – aber wo soll der/die junge Künstler*in anfangen und worauf soll geachtet werden?

Antworten darauf habe ich in dem Leitfaden zusammengefasst (siehe Ende des Beitrags). Er soll eine Orientierungshilfe für Berufseinsteiger*innen geben – sowie auch für «Alte Hasen», die weiter an ihrem Portfolio arbeiten möchten.

Portrait

Portraits sind die halbe Visitenkarte. Allein mit diesem Bild sollen die Caster*innen bereits einen Eindruck von den Künstler*innen bekommen. Sie sollen echt und offen sein und die Person «so wie sie ist» darstellen.

Die folgenden Portraits stammen alle von Freundinnen und Freunden und sind in Bern, Wien, Hamburg und Berlin entstanden.

Tanzbilder & Stilbilder

In vielen Ausschreibungen wird auch ein Ganzkörperfoto verlangt. Die Haltung bzw. Pose soll natürlich und locker aussehen – oft gar nicht so einfach wie es klingt.

Bei Tänzer*innen sind Tanzbilder gefragt. Bei klassischen Bildern ist wichtig, dass die gewählte Pose technisch perfekt ausgeführt und abgelichtet wird. Je nach Tanzstil gibt es eigene Kriterien. Darum ist es wichtig, dass die fotografierende Person die Anregungen der Tänzerin oder des Tänzers ernst nimmt.

Showreel

In einem früheren Semester habe ich zusammen mit Philippe Schneiter ein Showreel, gemischt mit einem Portrait, umgesetzt. Der Beitrag ist zu finden unter «Joram – Portrait eines Tänzers».

About-Me-Video

Im About-Me-Video geht es um die Persönlichkeit, Leidenschaften und die Art einer Person. Es wird in einer Interview-Situation frei gesprochen, die Antworten bzw. das Erzählte soll nicht vorbereitet sein. So haben Menschen, die die Person aus dem About Me noch nicht kennen, die Möglichkeit, einen ersten Eindruck zu bekommen, wie diese Person ist.

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Tanzvideos

Auf Instagram, TikTok, YouTube und Co. werden Tanzvideos gepostet und geteilt. Tänzer*innen haben so die Möglichkeit, sich in Bewegung zu präsentieren, ihre Choreografien zu zeigen und ihr Netzwerk zu vergrössern. Diese Videos sind ausserdem ein wichtiger Teil des Portfolios.

Dabei gibt es verschiedene Arten von Videos. Manche werden direkt nach dem Unterricht in einer kleinen Formation aufgenommen, in einigen Videos tanzen die Choreograf*innen selbst als Solo-Performance oder das Projekt wird mit einer Gruppe geprobt und dann an einer externen Location professionell gefilmt.

Ich habe die letzten beiden Varianten in drei Videos selbst gedreht:

«La Combi Versace» ist ein Onetake, aufgenommen mit einer GoPro. Bei Onetakes ist es besonders bei so einer grossen Gruppe eine Herausforderung, dass jede Bewegung perfekt sitzt und die Aufstellungen in der Weitwinkelkamera immer gut aussehen.

Die Entscheidung des Onetakes könnte aber auch zum Erfolg verholfen haben: Das Video wurde seit der Veröffentlichung am 25.08.2022 über 18’800 Mal auf YouTube angesehen (Stand: 03.01.2023).

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«Cuff it» und «Boom Boom Pow» sind beides Choreos, bei denen die Choreografinnen der Heels-Choreos selbst tanzen. Bei diesen Videos wurde das Reel-Format gewählt, um die Videos auf Instagram posten zu können. Schnelle und abwechslungsreiche Schnitte sind gefragt.

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Live-Auftritte

Live-Auftritte sind für viele Künster:innen das, worauf sie Wochen, wenn nicht sogar Monate hinarbeiten. Ich hatte die Möglichkeit, viele verschiedene Anlässe zu fotografieren: von Tanz-Shows über Konzerte bis zu Improvisationstheater.

Ich habe auch Videos von Live-Auftritten erstellt. Diese sind unter den Digezz-Beiträgen «Tanzvideos für Spirit» und «Tanzvideo für Reach» zu finden.

Leitfaden

Aus allen Learnings, Beobachtungen, Inspirationen und Tutorials, welche ich während der Prozesse gemacht habe, entstand am Ende dieser Leitfaden. Er enthält neben der Beispiele (welche unter anderem aus obigem Material bestehen) auch viele Tipps zum Nachmachen oder auch, wie man am besten eine Fotografin oder einen Videografen findet.

Hier kann der Leitfaden heruntergeladen werden.

(mou)

Leitfaden

Alle Erfahrungen nochmal zu sammeln, die ich im letzten halben Jahr machen durfte, hat mir gezeigt, wie viel ich lernen konnte und was ich für wichtige Erfahrungen gemacht habe. Während des Schreibens sind immer wieder Themen aufgetaucht, wie beispielsweise «Outfit und Makeup», an die ich im ersten Moment nicht gedacht hatte. So entstand dieser Leitfaden in einem Prozess, der mir sehr Spass gemacht hat.

Konzipiert habe ich das Dokument als E-Dokument, es soll den Künstler*innen per Download zur Verfügung stehen oder kann auch verschickt werden. Trotzdem soll es auch möglich sein, es auszudrucken und bei sich abzulegen. Deswegen habe ich die Multimedialität so gelöst, dass die Videos per Direktlink auf dem Bild, wie auch per QR-Code zugänglich sind.

Das Dokument soll keine Werbung sein, trotzdem habe ich mich dazu entschieden, dass ich für (An-)Fragen meine Angaben dabei haben möchte. Wenn jemandem etwas gefällt, soll er oder sie die Möglichkeit haben, mich direkt zu kontaktieren – oder eben nachzufragen, wenn vertiefende Infos erwünscht wären. Mir ist bewusst, dass es an ein Portfolio grenzt, jedoch soll der informative Teil im Fokus stehen.

Das Design hätte ich mir noch etwas bunter und lebendiger vorgestellt, durch das (wie erwähnt) lange schreiben der Texte hat mir dazu am Schluss leider die Zeit gefehlt.

FOTOS

Portraits

Learnings:

  • Tageslicht ist ohne Zweifel am besten. Wenn möglich, mit einem Reflektor die dunklen Seiten aufhellen.
  • Schauspieler*innen-Bilder müssen sehr direkt sein. Das typische «die Schultern in die Diagonale und das Gesicht zur Kamera» funktioniert nicht, das ist zu langweilig.
  • Die Augen und das Gesicht müssen hervorstechen. Ein dunkler Hintergrund und ein dunkles Outfit können das begünstigen.
  • Der Hintergrund muss keine weisse oder schwarze Wand sein, gleichmässige Fassaden eignen sich auch hervorragend. So gibt es etwas Struktur, aber durch die Tiefenunschärfe wirkt es nicht ablenkend.

Was ich unterschätzt habe, ist die Interaktion, die während der Portraits sehr wichtig ist. Die Wenigsten fühlen sich direkt wohl vor der Kamera. Ausserdem kann nicht einfach eine «Rolle» eingenommen werden, sondern die fotografierte Person muss ganz sich selbst sein. Da hilft es, wenn die Fotografin die Stimmung leicht gestalten kann. Ich habe das Feedback bekommen, dass ich klare und hilfreiche Anweisungen geben kann und dass das Sicherheit gibt. Ich für meinen Teil wünsche mir, dass ich mich noch weniger auf das Bild konzentrieren muss und durch lockeres Reden und vielleicht ein paar Witzen die Models noch etwas aus sich herausholen kann. Daran werde ich noch arbeiten.

Tanz- und Stilbilder

«Der Fokus und somit der hellste Punkt muss im Gesicht sein.» Das ist für mich vermutlich das grösste Learning im Prozess des Fotografierens und bearbeiten von meinen Bildern. Egal ob bei Tanzbildern oder anderen Bildern, diese Regel muss immer beachtet werden. Im Studio hatte ich das Problem, dass der Boden leider weiss war und durch die Scheinwerfer viel Licht reflektiert wurde. Auf Fotos ist das glücklicherweise oft noch zu beheben.
Die «Regeln des Tanzes» und die «Regeln des Fotografierens» zusammenzubringen, hat auch eine Weile gebraucht. Wenn es aber gelingt, die beiden Künste sich unterstützend zu kombinieren, fällt das Bild sofort ins Auge. Aber genau in diesem Zusammenspiel habe ich einen Anreiz gefunden, dem ich noch weiter nachgehen möchte.

Live-Fotografie

Die Schwierigkeiten bestehen vor allem in folgenden Punkten: Man weiss nie genau, was als nächstes geschieht, man hat keinen Einfluss darauf, was geschieht und es wartet garantiert niemand auf dich. Man muss den Moment erwischen –  oder er ist vorbei.

Das führt dazu, dass ich sehr (sehr!) viele Bilder gemacht habe. Daraus die besten auszuwählen, war eine sehr lange und schwierige Arbeit. Besonders, wenn mehrere Menschen gleichzeitig auf dem Bild sind, ist es ein Glückstreffer, wenn alle einen guten Ausdruck im Gesicht haben.

Die Positionierung ist oft auch eine Hürde, an einem ausverkauften Konzert kann man sich nicht so gut bewegen wie bei einer Hauptprobe einer Tanzshow. Darum habe ich dann versucht, mich mehr auf das Licht zu achten und diese Momente zu nutzen.

Bei der Live-Fotografie habe ich besonders für mein Equipment etwas mitnehmen können: Ein möglichst tiefer Blenden-Wert, ein Zoom-Objektiv mit einer grossen Range (oder am besten zwei Zoom-Objektive: eins für nah und eins für fern) und eine praktische Tasche am Körper, wo rasch Equipment gewechselt werden kann, sind sehr wichtig.

VIDEOS

About Me-Video

Aufgenommen wurde das Video im Sommer, danach habe ich ewig daran geschnitten. Wir hatten sehr (sehr!) viel Material aufgenommen, weil ich möglichst echte, spontane Antworten wollte. Und weil die Antworten so spontan waren, fehlte am Anfang oft der Kontext oder ein einleitender Satz. Das hat die ganze Postproduction sehr lange hinausgezögert. In Zukunft werde ich mit der Protagonistin zuerst ein Vorgespräch durchführen, um herauszufinden, welche Themen für sie wichtig sind – und mich dann beim Filmen mehr auf solche vergessenen Anschlüsse achten.

Der Aufbau des Videos entstand auch erst im Nachhinein. Der Teil mit dem Klavierstück am Anfang und der etwas lockerere zweite Teil funktionieren nun gut miteinander, es hat aber auch sehr lange gedauert, bis diese Aufnahmen alle ihren richtigen Platz gefunden haben.

Da wir im Wohnzimmer gefilmt haben, ändert sich das Licht immer wieder. Das hat den Schnitt auch behindert. Auch das ist ein wichtiges Learning für die Zukunft: Entweder in einem möglichst kurzen Zeitfenster alles filmen oder dafür sorgen, dass die Lichtverhältnisse beeinflussbar sind.

La Combi Versace

Da das Video in einem Take gefilmt wurde, brauchten wir 19 Shots, bis wir den richtigen hatten, wo niemand gewackelt hat, die Aufstellungen alle richtig waren (aus der Perspektive der Kamera) und auch von meiner Seite die «Kamera-Choreografie» ohne Fehler war. Nach etwa sieben Takes wurde diese Kamera-Choreografie (welche in einer Probe festgelegt wurde) nochmal geändert und ich habe nur noch direkt von vorn gefilmt. Diese Entscheidung reut mich im Nachhinein aus Sicht der Kamerafrau, da so weniger interessante Perspektiven entstanden. Für die Choreografie und die choreografierten Bilder war es aber die richtige Wahl.

Weil mit der GoPro nicht LOG gefilmt werden konnte, war das Gegenlicht leider ein kleines Verhängnis. Durch verschiedene mitgebrachte Scheinwerfer konnten wir eine schöne Lichtstimmung herstellen, jedoch waren mir in der Postproduction die Hände gebunden. Ich habe das blaue, kalte Licht von den Fenstern rausgefiltert, was leider dazu geführt hat, dass einzelne Tänzerinnen ab und zu kurz schwarz/weiss wurden.

Zukünftig werde ich von Anfang an eine alternative Kamera organisieren mit demselben Look wie die GoPro, aber wo ich LOG filmen kann. So wären viele Probleme erspart geblieben.

Tanz-Reels

Es ist ein unglücklicher Zufall, dass beide mit grünem Licht gefilmt wurden. An diesen Tagen entstanden noch viele andere Fotos und Videos in diesem Studio, da ich mich für zwei ganze Tage eingetragen hatte. Ich hätte mich besser achten sollen.
Dass ich selbst auch tanze, hat seine guten und schlechten Seiten: Im Zweifel nehme ich eher den Shot, bei dem die Tänzerin besser aussieht als den, wo die Kamera besser wäre. So habe ich oft die Qual der Wahl. Dadurch, dass ich aber mehrere Videos aufnehmen konnte in kurzer Zeit, konnte ich Learnings direkt umsetzten, wie zum Beispiel, welche Winkel ich nehme, welche Framings gut aussehen und was ich alles brauche, um danach gut schneiden zu können (verschiedene Perspektiven, verschiedene Einstellungsgrössen).

Bei Boom Boom Pow nahmen wir fast 20 Takes auf, das sorgt in der Postproduktion natürlich auch für einen grösseren Aufwand.

Das viele Schneiden hat mir eine gewisse Routine gebracht und ich weiss jetzt, welche Arbeitsweise für mich bei Tanzvideos am besten funktioniert:

  • Alles Material synchronisieren und übereinander anordnen.
  • Wenn es viele Spuren sind, die Takes nach Totale, Nah und Closeup anders einfärben
  • Jeden Take durchgehen und nur die Parts stehen lassen, die tänzerisch und bildtechnisch gut sind
  • Bei manchen Passagen ist dann schon klar, welche Takes genommen werden, weil nur zwei übrig geblieben sind. Bei den anderen fällt es mir dann dank der Farben und der «Vorsortiertung» leichter, den richtigen Take für das zu finden, was ich mir wünsche.

Ich bedanke mich bei allen meinen Freundinnen und Freunden, die mir in diesen Projekten vertraut haben, sich geöffnet haben und mir diese ganzen Learnings ermöglicht haben. Ich freue mich, dass ich ihnen durch die Ergebnisse etwas zurückgeben konnte.