Zwischen Realität und Abstraktion

Kann ein Bild, das nie fotografiert wurde, trotzdem die Wahrheit zeigen?

Dokumentarfilme sollen zeigen, «wie es wirklich war» – und genau das stellt der animierte Dokumentarfilm (bzw. der «Animadoc») infrage. Statt auf die Kamera zu setzen, arbeitet er mit gezeichneten, gemalten oder digital konstruierten Bildern. Gerade dadurch kann er Dinge sichtbar machen, die sich nie hätten filmen lassen: Erinnerungen, Gefühle, innere Zustände. Wie genau diese visuelle Abstraktion aber konkret eingesetzt wird, war bislang noch kaum systematisch untersucht.

Meine Thesis beschäftigte sich mit genau dieser Frage:
Welche Formen visueller Abstraktion kommen im animierten Dokumentarfilm vor, und wie lassen sich diese typologisch beschreiben?
Dafür führte ich eine Filmanalyse in Anlehnung an Mayrings qualitative Inhaltsanalyse durch. 30 Sequenzen aus zehn Filmen wurden entlang vier Dimensionen codiert: Bildsprache, Materialität, rhetorische Mittel sowie die Funktion der Abstraktion innerhalb der jeweiligen Szene.

Die Analyse zeigt, dass Abstraktion meist dynamisch innerhalb einzelner Sequenzen eingesetzt wird, während die Materialität – also das visuelle Grundmaterial wie Zeichnung, Collage oder digitale Textur – über eine Sequenz hinweg oft konstant bleibt. Rhetorisch dominieren Metapher, Symbolik und Kondensation, funktional vor allem nicht-mimetische Substitution und Evokation. Daraus liess sich eine Typologie ableiten: ein gemeinsamer Grundmodus, drei Varianten – die belebte Materialität, der Einbruch des Realbilds und die doppelte Rekonstruktion – sowie ein Grenzfall, die didaktische Ausnahme. Ergänzt wird das Ganze durch die Schutzfunktion, die sich quer durch alle Kategorien zieht: Abstraktion schafft einen sicheren Abstand zu Inhalten, die zu intim oder verletzlich sind, um sie direkt zu zeigen.

Parallel zur Thesis entstand im Rahmen des Lehrprojekts das Konzept sowie die Pilotfolge der animierten Dokumentar-Miniserie Zwüscherüüm. Die Serie verbindet dokumentarischen Originalton mit animierten, abstrakten Bildwelten und gibt Menschen mit Migrationshintergrund eine erzählerische Plattform für ihre Erfahrungen von Identität, Zugehörigkeit und dem Gefühl des Dazwischenseins. Visuell setzt das Projekt auf einen Mixed-Media-Ansatz: Frame-by-Frame animierte Charaktere treffen auf analoge, von Hand gestaltete Hintergründe aus Papier, Karton und anderen Materialien. Die Pilotfolge ist hier ersichtlich.