Zwischen Krise und Hoffnung: Der Libanon jenseits der Schlagzeilen
Wenn der Libanon in den Nachrichten vorkommt, geht es fast immer um Krise. Der Alltag der Menschen, ihr Humor und ihre Art, trotz allem weiterzumachen, kommen dabei kaum vor. Genau diesen Alltag wollte ich mit meiner Ausstellung sichtbar machen.
Die Grundlage dafür habe ich auf einer kurzen Reise gesammelt. Vom 31. Oktober bis 8. November 2025 war ich im Libanon unterwegs, in Beirut, im Süden und in der Bekaa-Ebene, wo mein Vater aufgewachsen ist. Ich habe fotografiert, gefilmt und mit Menschen gesprochen: mit Umm Shawkey, die mit 80 Jahren in einem kleinen Zimmer mit Wellblechdach mitten in Beirut lebt. Mit Zainab, die die Ziegenherde ihres erkrankten Bruders übernommen hat und die Milch verkauft, um ihn zu unterstützen. Mit Abu Muhammad und Abu Ali, die sich seit siebenunddreissig Jahren kennen und seit über zwölf Jahren fast täglich Tawle spielen. Aus diesen Begegnungen wurden die zwölf Stationen der Ausstellung.













Eine dieser Begegnungen: Bassam, der zwischen Khaldeh und Ouzai Motorrad fährt, weil das den Druck des Alltags für einen Moment verschwinden lässt.
«Zwischen Krise und Hoffnung» lief vom 14. bis 17. Mai 2026 an der Hochschule der Künste Bern. Der Rundgang führte in rund dreissig Minuten durch drei Akte: einen komplett dunklen Gang, in dem Drohnengeräusche über die Köpfe ziehen, einen ersten Raum über Armut, Flucht und Unsichtbarkeit und einen zweiten Raum, in dem es warm wird, mit Musik, Duft, einer echten Kaffeetasse zum Deuten und einem Tawle-Brett, an das man sich setzen und selbst mitspielen darf. Mehrmals fiel für alle gleichzeitig der Strom aus, so wie im libanesischen Alltag. Gesteuert wurde das Ganze über TouchDesigner auf zwei vernetzten Rechnern, inklusive synchronisiertem Blackout über beide Räume.
Die Kaffeetasse gehört zu Maryam aus dem Südlibanon. Jeden Morgen kommen Nachbarinnen und Verwandte zu ihr, man trinkt Kaffee, redet, und irgendwann dreht Maryam die Tasse um und liest den Kaffeesatz.





Ob dieser Ansatz wirkt, habe ich in meiner Bachelorthesis empirisch untersucht. 56 Besuchende schätzten nach dem Rundgang ihr Verständnis und ihre emotionale Nähe zum Libanon ein, rückblickend für die Zeit vor dem Besuch und für den Moment danach. Beide Werte stiegen deutlich und statistisch hochsignifikant. Am stärksten wirkten dabei nicht die Effekte, sondern die persönlichen Geschichten der gezeigten Menschen. Und am grössten war die Veränderung bei Personen, die vorher keinerlei Bezug zum Libanon hatten, also genau bei jenem Publikum, das ich erreichen wollte.
Und so klang der letzte Raum: Issa Raad, Dichter und Sänger aus Baalbek, singt Ataba und Mawwal, begleitet von der Rebab, einem der ältesten Streichinstrumente der arabischen Welt.
Für mich ist das Projekt damit nicht abgeschlossen. Die Bilder werde ich weiter veröffentlichen, und ein kleines Zine mit allen Geschichten ist in Planung. Wer mehr sehen möchte, findet zukünftig Einblicke auf springfocused.com oder Instagram.
Ein grosses Dankeschön an @dominik-rickli für die Fotos der Vernissage.
Alle übrigen Aufnahmen: Eigene Bilder und Videos aus dem Libanon, November 2025.