Wie wird Social Media wieder sozial?

Während sie einst für soziale Vernetzung und Austausch standen, sind sie heute vor allem hochspezialisierte Content-Maschinen, eine Art individuelles Fernsehprogramm. Social-Media-Plattformen sind gar nicht mehr so social. Viele Nutzende finden sich auf den Apps vor allem als Konsument:innen von aufregenden Inhalten, schnelllebigen Kurzvideos oder toxischen Kommentarspalten wieder. Das hat mich zur Idee geführt, etwas Neues zu entwickeln.

Die Bachelorarbeit

Am Anfang einer guten Idee stehen oft Insights: In meiner Bachelorarbeit habe ich deshalb in einem Fokusgruppengespräch mit sieben Personen der Gen Z über ihre Social Media Nutzung, ihre positiven und negativen Momente sowie Wünsche an eine neue Plattform gesprochen. Thematisiert wurde auch die eigene Partizipation. Die Arbeit erhebt daraus zentrale Bedürfnisse auf Social-Media-Plattformen und mögliche Gründe für das Passivbleiben.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Konsum von Unterhaltung zwar der relevanteste Punkt bei der Nutzung ist, das Bedürfnis nach dem Einblick ins Leben der Freund:innen aber eigentlich im Vordergrund steht. Die Teilnehmenden möchten gerne mehr Kontrolle darüber haben, was sie konsumieren und wie viel Zeit sie mit dem Konsum verbringen. Datensammlung und Werbung werden kritisiert und oft macht sich ein Gefühl von Machtlosigkeit breit. Ein wichtiges Bedürfnis ist deshalb auch mehr Selbstbestimmung bei der Nutzung. Breit gestützt wird die Begrenzung auf einen engeren Freundeskreis, von einem Teil der Gruppe auch der Austausch in thematischen Gemeinschaften. Eng damit zusammenhängend ist der hohe Anspruch an eigene Beiträge auf heutigen Plattformen, der die Partizipation schwächt. Der Anspruch wird einerseits durch die Norm verstärkt, dass die Inhalte vor allem von professionellen Creator:innen produziert werden, sodass der eigene Content daneben irrelevant scheint. Andererseits treibt ihn zusätzlich die Angst, beim breiten Publikum auch einen falschen Eindruck zu hinterlassen, höher. Zu den Partizipationsbarrieren kommen fehlender Eigennutzen und Antrieb sowie ein toxisch wahrgenommenes Umfeld und der soziale Vergleich, der durch Likes- und Abo-Zahlen angetrieben wird.

Das Lehrprojekt

Aus diesen Erkenntnissen ist friends. entstanden, der Prototyp einer neuen, bedürfnisorientierten Social-Media-Plattform. Der Name ist dabei Programm. Im Zentrum steht nicht der Content, sondern das eigene Umfeld. Über zwei Beitragsarten wird die gewünschte Vernetzung unter Freund:innen oder in Themengemeinschaften integriert: Updates sind Schnappschüsse aus dem Alltag, nur für die eigenen Friends und für 24 Stunden sichtbar. Pins bedienen den Austausch über gemeinsame Interessen: Fragen werden gestellt oder Diskussionen angefangen, indem sie auf thematische Boards gepostet werden und nur bei jenem Publikum ankommen, das den Boards folgt. Dabei kann immer gewählt werden, ob der Post nur für Freund:innen, für Freund:innen zweiten Grades oder ganz öffentlich ausgespielt werden soll. Der hohe Anspruch soll sich so bei den Updates durch die Normalisierung des Alltäglichen und bei den Pins durch die gezielte Auswahl eines thematischen Publikums senken.

Die Selbstdarstellung wandert von jedem einzelnen Post ins Profil, wo in Ruhe persönliche Fragen beantwortet und einzelne Updates ausgewählt und permanent angezeigt werden können. Anreize für Partizipation werden über Gamification-Elemente geschaffen, indem mit den verdienten Karma-Punkten beim Posten von eigenen Beiträgen, Kommentieren oder Reagieren immer mehr Funktionen zur Profilgestaltung freigeschaltet werden. Zudem werden Posts zum Konsumieren erst freigeschaltet, wenn ein eigenes Update in den letzten 24 Stunden hochgeladen wurde. Reagieren lässt sich auf jeden Beitrag mit Emojis. Sichtbar ist bei einem Beitrag aber nur, wie sich die Reaktionen anteilsmässig verteilen und nicht wie viele Personen darauf reagiert haben. Ein direkter Vergleich zwischen zwei Posts ist damit gar nicht erst möglich. Die Plattform verzichtet auf Datensammlung sowie Werbung und geht transparent und fair mit den Nutzer:innen um, die die App über einen kleinen monatlichen Beitrag finanzieren.

Probier’s aus! Hier geht’s zum Prototyp.