Und dann kam plötzlich mein Cue – Gastauftritt bei Röbi Koller

Inhalt der Show und meine persönliche Challenge

Nachdem Röbi Koller seine Fernsehkarriere beendet hat, plante er 2025 und 2026 eine Tour durch verschiedene Schweizer Städte. Unter dem Titel „Zugabe“ präsentiert er sich nochmals live – mit dem besonderen Twist, dass er an jedem Spielort eine Person aus der jeweiligen Region als kurzen Überraschungsgast auf die Bühne holt und vorstellt. Bei der Vorstellung in Bad Ragaz fiel diese Rolle auf mich: einerseits als Mitorganisator der Bad Ragartz, andererseits als Student im Studiengang Multimedia Production an der Fachhochschule Graubünden.

Für den Auftritt am Abend hatte mir Röbi eine Challenge gestellt: Bühnenauftritt + Content-Produktion unter Echtzeitdruck. Genauer hiess das:
Das Programm in der erste Halbzeit filmen → in der Pause ein Video (max. 45 Sekunden) schneiden → direkt nach der Pause erneut auf die Bühne und das Resultat dem Publikum zeigen. Andere Vorgaben gab es nicht.

Eine Überraschung zu viel? Das Titelbild der Veranstaltung von Röbi Koller.

Ohne Vorbereitung läuft nichts

Im Vorfeld habe ich vor allem meinen Workflow vorbereitet: eine saubere Ordnerstruktur, ein Premiere-Pro-Projekt und mehrere Songs (3–4 Stück), weil ich die Stimmung und „Energie“ des Abends nur schwer einschätzen konnte. Zudem wusste ich, dass ich gerne ein kurzes Intro für den Clip mit Röbi vor der Veranstaltung filmen möchte.

Ausrüstungstechnisch wollte ich bewusst leicht unterwegs sein: Sony Alpha 4, Richtmikrofon, MacBook Pro mit Schnittprogramm und das 24–70mm f/2.8 Objektiv von Sony. Ein Problem war allerdings absehbar (und wurde später relevant): Wegen eines parallelen Sony-Workshops in Chur waren die schnellen CF-Express-Karten vergriffen, ich hatte also nur eine langsamere Speicherkarte aus der Ausleihe dabei.

Welche Musik wird zur Bild–Stimmung passen? Keine Ahnung, darum besser drei verschiedene Songs vorbereiten.

Vor Ort: Absprachen und ein erster Reality-Check

Ich war etwa eine Stunde vor Beginn da und habe mich nochmals kurz mit Röbi an den Tisch gesetzt. Wir klärten technische Details, und er gab mir ein Bügelmikrofon mit dem Hinweis, ich solle es in der Pause anziehen, damit ich danach die Hände frei habe. Das hat mich nur noch mehr in der Annahme bestärkt, dass mein Auftritt wie abgesprochen nach der Pause stattfindet.

Zusätzlich habe ich mich mental vorbereitet und mit meiner Freundin/Bekannten mögliche Fragen „trocken“ geübt – weniger, weil der Inhalt planbar gewesen wäre, sondern weil es mir Selbstvertrauen für die Bühne gab.

Voll aufs Filmen konzentriert und dann kommt plötzlich mein Cue

Röbi hatte mir vorgängig grob erzählt, was in der ersten Hälfte passieren würde (Gesang, Lesung, Ausschnitte aus der TV-Karriere, etc.). Vor Ort lief es dann zwar ähnlich, aber nicht exakt so wie angekündigt. Ich war voll im Filmen, konzentriert auf Material für den späteren Schnitt – und dann sah ich plötzlich auf der Projektionsfläche ein Bild von mir gezeigt.

«Passiert das nun wirklich?», fragte ich mich. Ich suchte den Blickkontakt mit meiner Freundin im Publikum. Die Überraschung war mir ins buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Kurz darauf kam tatsächlich mein Name als Ankündigung. Der „Überraschungsgast“ war nun wirklich überrascht.

Da das Bügelmikrofon noch nicht montiert war, drückte mir Röbi spontan ein Handmikrofon in die Hand. Wir improvisierten kurz: Er stellte mich vor, fragte mich, was ich bei der Bad Ragartz mache, und erklärte dem Publikum gleich die Challenge. Und dann war auch schon Pause.

Und auf einmal war der Überraschungsgast der Überraschte. (rechts bin ich, und hinten auf dem Bildschirm bin ich nochmals)

Pause unter 15 Minuten Vollzeit-Druck

In der Pause ging’s direkt an den Laptop. Ich hatte 15 Minuten Zeit, um:

  • Material von der Karte zu ziehen,
  • eine Sequenz zu bauen,
  • ein leichtes Color Grading zu machen,
  • und den Clip zu exportieren.

Der kritische Punkt war der Datentransfer: Wegen der langsamen Speicherkarte gingen allein dafür rund 3,5 Minuten drauf. Ich war komplett unter Druck, habe aber gleichzeitig versucht, ruhig zu bleiben und einfach Schritt für Schritt durchzuziehen.

Ich arbeitete in mehreren Stufen und schaffte am Ende drei Versionen:

  1. eine schnelle „Notfallversion“ (hauptsache etwas ist fertig),
  2. eine bessere Variante,
  3. und schliesslich eine Version, die ich für präsentabel hielt.

Genau während ich die dritte Version exportierte, hörte ich im Backstage-Bereich schon wieder meinen Namen. Es gilt: Laptop in der Hand, eine externe Festplatte, die mit jedem Schritt am Kabel baumelte und die Speicherkarte noch im Laptop drin.

Bitte akzeptiere die statistik, Marketing Cookies um diesen Inhalt zu sehen.
Die dritte Version: noch sehr blau, aber präsentabel.

Zufall oder doch alles geplant?

Wir zeigten den Clip dem Publikum, es gab Applaus, und sowohl Röbi als auch die Leute im Saal wirkten zufrieden. Ich hatte auf der Bühne sogar spürbar Spass und konnte das Publikum zum Lachen bringen – was im Nachhinein fast genauso wichtig war wie das Video selbst.

Der Auftritt macht mir schon sehr viel Spass – dazu gab es einen 200.– Franken Gutschein.

Was dann aber passierte: Ich nahm zwar die Kamera mit, liess aber den Laptop vorne liegen – inklusive eingesteckter Speicherkarte. Eigentlich wollte ich die zweite Halbzeit auch noch filmen, aber es gab keinen passenden Moment mehr, um die Karte zu holen. Damit war das Filmen nach der Pause erledigt.

Trotzdem blieb am Ende das Gefühl: Es hat funktioniert. Und zwar so, dass das Publikum die improvisierten Teile nicht als „Zufall“ wahrgenommen hat.

Doch nochmal alles gut gelaufen 🙂

(vha)

Rückblickend war das Projekt ein ziemlich ehrlicher Realitätscheck dafür, was „konvergent produzieren“ in der Praxis heisst: produzieren, präsentieren und gleichzeitig auf Unplanbares reagieren – alles im selben Abend, vor Publikum.

Was gut lief

  • Vorbereitung war der Schlüssel. Die vorbereitete Ordnerstruktur, das Projekt-Setup und die Musikauswahl waren meine Grundlage. Ohne das wäre ich ziemlich sicher „aufgeflogen“.
  • Spontan reagieren können. Die Probe-Fragen haben zwar inhaltlich kaum geholfen, aber sie gaben mir Ruhe und Präsenz auf der Bühne. Das war entscheidend, weil die Situation klar nicht nach Plan verlief.
  • Wirkung nach aussen: Im Nachgang sagten mir mehrere Leute, dass ihnen überhaupt nicht aufgefallen sei, dass der Ablauf intern „planmässig in die Hose ging“. Das zeigt mir, wie stark Auftreten und Sicherheit die Wahrnehmung prägen – gerade bei Live-Formaten.
  • Erfahrung hilft. Ich hatte bereits einmal Live-Content an einem Event produziert. Dadurch war mir das Prinzip nicht fremd, auch wenn der Rahmen hier deutlich öffentlicher war.

Was nicht so gut verlief

  • Ich hätte vorab testen müssen. Vor allem das Thema Speicherkarten-Speed und Datentransfer. Die langsame Karte (Ausleihe-bedingt) war der grösste Stressfaktor und hat mich in der Pause massiv eingeschränkt.
  • Objektivwahl: Ein 70–200mm wäre für diese Situation deutlich besser gewesen als das 24–70mm. Ich musste mich immer wieder nach vorne bewegen, an Leuten vorbei, und habe damit unnötig Unruhe ins Publikum gebracht.
  • Datenhandling im Moment: Dass ich den Laptop mit Karte vorne liegen liess, war ein klassischer „Stressfehler“. Dadurch verlor ich die Möglichkeit, die zweite Halbzeit weiter zu filmen.
  • Lichtsituation: Gelbe Lichter, blaues Bühnenbild – das war farblich schwierig. Mit S-Log hatte ich zwar mehr Spielraum, aber unter dem Zeitdruck ist perfektes Grading unrealistisch.

Was ich mitnehme

  • Vorbereitung schafft Spontanität. Je besser die Basis steht (Struktur, Presets, Musik, Export), desto freier kann ich auf Überraschungen reagieren.
  • Technik muss zur Deadline passen. Für solche Pausen-Edits brauche ich zwingend schnelle Medien (Karte/Reader), sonst frisst mich der Transfer auf.

Wenn ich das Setup nochmals machen würde, wären meine drei wichtigsten Anpassungen:

  1. Schnelle Karte + schneller Reader + klare „Karte bleibt bei mir“-Regel (Checkliste!).
  2. 70–200mm als Hauptobjektiv (oder zumindest als Option).
  3. Absprachen zum Cue klarer fixieren (damit „nach der Pause“ auch wirklich nach der Pause bedeutet).

Unterm Strich bin ich froh, dass ich die Challenge angenommen habe – auch weil sie sehr spontan zustande kam. Es war stressig, aber genau dieses Spannungsfeld aus Live-Auftritt und Sofortproduktion gefällt mir sehr gut