Railtails – ein digitales Tagebuch

RAILTAILS ist ein digitales Tagebuch, das nicht in gebundener sondern in digitaler Form existiert. Zweimal die Woche sitze ich im Zug zwischen Chur und Bern. Drei Stunden hin, drei Stunden zurück. Irgendwann habe ich aufgehört, die Zeit totzuschlagen, und angefangen, sie aufzuschreiben.

Die Idee

Der Zug ist kein Nicht-Ort. Er ist ein Raum voller Menschen, Gerüche, Gedanken und Momentaufnahmen. Railtails macht diesen Raum zur Bühne: für kurze literarische Prosatexte, die während der Zugfahrt entstehen. Die Texte handeln von Mitreisenden, von Weltschmerz, von Erinnerungen, gelben Häuser die aufblitzen, und von der Verlässlichkeit einer gleichbleibenden Landschaft. Es geht nicht um grosse Literatur, sondern um das Aufschreiben dessen, was ist, als Gegengewicht zur Ohnmacht und als Gegenmittel zum Doomscrolling.

RAILTAILS

Jede Geschichte ist einer Zugstrecke und einem Datum zugeordnet. Chur–Zürich, 27.03.26. Bern–Zürich, 07.03.26. Die Strecke ist kein blosses Metadatum, sondern Kontext: Sie verortet den Text in Bewegung, in Transit, im Dazwischen. Bisher sind fünf Texte erschienen, von der pinken Sau im Zugabteil über Notizen gegen die Ohnmacht bis zur stillen Verlässlichkeit des Monotonen. Alle Texte sind auf Deutsch verfasst, in einem Ton, der persönlich, präzise und manchmal absurd ist.

Gestaltung & Illustrationen

Zu jedem Text entstand eine eigene digitale Illustration erstellt in Adobe Illustrator. Die Bilder zeigen keine direkten Szenen aus den Texten, sondern übersetzen ihre Stimmung in Farbe und Form. Nächtliche Zugperrons in Pink und Blau, leere rote Sitze vor einem violetten Himmel. Der Illustrationsstil ist geometrisch, gesättigt und bewusst nicht fotografisch. Er schafft eine eigene visuelle Welt, die den Texten Raum gibt, ohne sie zu illustrieren und zu untermauern.

Die Website selbst ist reduziert gehalten. Schwarze Typo auf weissem Grund, ein massiver Titelschriftzug, keine Ablenkung. Das Layout gibt den Illustrationen und Texten Platz. Navigation über drei Punkte: Name, Geschichten, About.

Plattform

Railtails ist auf Cargo aufgebaut und veröffentlicht. Cargo bot die nötige gestalterische Kontrolle, um das visuelle Erscheinungsbild konsequent umzusetzen, ohne auf komplexe Eigenentwicklung und Codierung angewiesen zu sein. Damit der Fokus ganz auf dem Gestalten liegen konnte. 

Hier gehts zur Webseite: Railtails

(mmi)

Rückblickend war die grösste Herausforderung nicht das Schreiben selbst, sondern die Übersetzung der Texte in einen vollständigen, stimmigen Webauftritt. Was als persönliches Schreibprojekt auf Zugfahrten zwischen Chur und Bern begann, weitete sich schnell auf gestalterische, technische und redaktionelle Fragen aus, die ich in ihrer Gesamtheit anfangs deutlich unterschätzt hatte. Die Idee war früh klar, die Umsetzung stellte sich als eigenes, vielschichtiges Projekt heraus.

Besonders die gestalterischen Entscheidungen liessen sich nicht schnell treffen. Farben, Schriften, Layout und das Zusammenspiel von Text und Illustration wirkten zunächst wie separate Elemente, mussten aber am Ende eine kohärente Einheit bilden, die das widerspiegelt, was die Geschichten ausdrücken sollten: die Atmosphäre von Bewegung, vorbeiziehender Landschaft und flüchtigen Begegnungen im Zug. Ich überarbeitete den gestalterischen Auftritt mehrmals, bis das Gesamtbild stimmte. Dieser iterative Prozess war teils frustrierend, lehrte mich aber, erste Entwürfe nicht als Misserfolg zu sehen, sondern als notwendigen Schritt in der Entwicklung. Gute Gestaltung entsteht nicht im ersten Durchgang, das war eine Erkenntnis, die ich theoretisch kannte, aber erst durch eigene Erfahrung wirklich verstanden habe.

Auch die technische Seite forderte mich heraus. Ich hatte zuvor noch keine Website ohne inhaltliche oder gestalterische Vorgaben umgesetzt, und Fragen rund um Struktur, Navigation und die Einbettung der Inhalte beschäftigten mich länger als erwartet. Eine wichtige Entscheidung war schliesslich der Wechsel zu Cargo als Plattform. Nach mehreren Codierversuchen wurde klar, dass der gestalterische Fokus im Vordergrund stehen sollte, und dass das richtige Werkzeug diesen Fokus erst ermöglicht. Diese Entscheidung hätte ich im Nachhinein früher treffen können, da sie die weitere Arbeit deutlich vereinfachte und strukturierte.

Ein weiterer unterschätzter Aufwand war die Textarbeit. Die Überarbeitung der Geschichten beanspruchte fast so viel Zeit wie das ursprüngliche Schreiben auf den Zugfahrten. Texte, die im Moment der Reise entstehen, tragen oft den Rhythmus und die Unschärfe dieser Situation in sich, sie in eine lesbare, veröffentlichungsreife Form zu bringen, ohne ihre ursprüngliche Stimmung zu verlieren, war eine eigene gestalterische Aufgabe. Dieser Prozess verlangte Geduld und die Bereitschaft, auch an Formulierungen festzuhalten, die sich erst im dritten oder vierten Durchgang ergaben.

Insgesamt lag die Stärke des Projekts darin, dass am Ende etwas Eigenständiges entstanden ist: eine Website, die nicht nur Texte zeigt, sondern deren Entstehungskontext, die Zugfahrt, die Bewegung, das Unterwegs-Sein, auch visuell spürbar macht. Die Schwäche lag weniger im Resultat als in der Planung des Aufwands. Ich habe unterschätzt, wie viel kreative, gestalterische und redaktionelle Vorarbeit nötig ist, damit ein Projekt am Ende leicht und selbstverständlich wirkt. Für zukünftige Projekte würde ich von Beginn an mit einem klareren Konzept arbeiten, gestalterische Grundentscheide früher festlegen und die verschiedenen Arbeitsphasen, Schreiben, Überarbeiten, Gestalten, Umsetzen, bewusster voneinander trennen.