Lokalreporter: Wenn Jugendliche ihre eigenen Geschichten erzählen

Wie entsteht eigentlich eine Reportage? Was braucht es, damit aus einer einfachen Idee eine spannende Geschichte wird? Und welche Geschichten verstecken sich direkt vor unserer eigenen Haustüre?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Projekt «Lokalreporter». Ziel war es, Jugendlichen nicht nur einen Blick hinter die Kulissen des Journalismus zu ermöglichen, sondern sie selbst zu Reporterinnen und Reportern ihrer eigenen Region zu machen. Statt nur Medien zu konsumieren, sollten sie selbst recherchieren, filmen, schneiden und am Ende einen eigenen journalistischen Beitrag veröffentlichen.

Link zum Projekt der FHGR

Das Projekt entstand als Zusammenarbeit zwischen der FH Graubünden, RTR (Radiotelevisiun Svizra Rumantscha) und Somedia. Während RTR und Somedia ihr journalistisches Fachwissen einbrachten, unterstützte die FHGR die Jugendlichen im Bereich Videoproduktion, Technik und Umsetzung. Gemeinsam entstand so ein Projekt, das Journalismus, Medienkompetenz und praktisches Storytelling miteinander verband.

Ein Projekt, drei Perspektiven

Damit aus einer Idee ein fertiger journalistischer Beitrag entstehen kann, braucht es verschiedene Kompetenzen. Genau deshalb wurde das Projekt interdisziplinär aufgebaut.

RTR und Somedia begleiteten die Jugendlichen auf der journalistischen Ebene. Dabei ging es um zentrale Fragen: Was macht ein Thema überhaupt relevant? Wie findet man eine gute Geschichte? Wie kontaktiert man Interviewpartner:innen? Wie bereitet man ein Gespräch vor? Und wie erzählt man eine Geschichte so, dass sie andere Menschen interessiert?

Die FH Graubünden übernahm den praktischen Teil der Medienproduktion. Als Studierende des Bachelor Multimedia Production waren wir ausserhalb des regulären Studiums als studentische Hilfskräfte in das Projekt integriert und unterstützten die Jugendlichen dabei, ihre Ideen technisch umzusetzen und aus einer Geschichte einen fertigen Videobeitrag zu entwickeln. Dabei konnten wir unser Wissen aus dem Studium direkt anwenden und die Gruppen von den ersten praktischen Übungen bis hin zum finalen Videoschnitt begleiten.

Dazu gehörte nicht nur die Arbeit hinter der Kamera, sondern auch die Konzeption von Workshops, Unterrichtsmaterialien und Begleitprodukten, welche das Projekt über die einzelnen Projekttage hinaus unterstützten.

Impression Workshop Input Lumnezia

Zwei Regionen, viele Geschichten

Durchgeführt wurde das Projekt mit Schulklassen aus Grüsch und der Val Lumnezia. Pro Standort arbeiteten wir während jeweils einer Projektwoche mit den Jugendlichen zusammen. Während RTR und Somedia die journalistischen Grundlagen vermittelten, waren wir von der FH Graubünden jeweils zwei Tage vor Ort und begleiteten den gesamten praktischen Produktionsprozess.

Der erste Schritt war dabei, die Kamera überhaupt kennenzulernen. Viele Jugendliche filmen täglich mit dem Smartphone, doch ein journalistischer Beitrag stellt nochmals andere Anforderungen: Wie wähle ich einen passenden Bildausschnitt? Wie funktioniert ein Interview-Setup? Worauf muss ich beim Ton achten? Welche Bilder brauche ich zusätzlich, damit ein Beitrag später funktioniert?

Nach kurzen theoretischen Inputs wurde deshalb vor allem ausprobiert. Die Schülerinnen und Schüler filmten Probeinterviews, testeten verschiedene Perspektiven und lernten, worauf es bei Bildgestaltung, Ton und Storytelling ankommt.

Impression Workshop Lumnezia

Vom Smartphone zur fertigen Reportage

Ein wichtiger Gedanke des Projekts war: Journalismus soll zugänglich sein. Es braucht nicht zwingend eine grosse Kameraausrüstung oder professionelle Schnittplätze, um eine Geschichte erzählen zu können.

Deshalb arbeiteten die Jugendlichen hauptsächlich mit Geräten, die sie bereits kennen: ihren Smartphones.

Nach der Themenfindung und den Dreharbeiten begleiteten wir die Gruppen auch im Schnittprozess. Aus Interviewmaterial, Aufnahmen und Ideen mussten verständliche Beiträge entstehen. Dabei unterstützten wir sie bei der Strukturierung ihrer Geschichten, beim Schneiden auf dem Smartphone und beim finalen Feinschliff ihrer Videos.

Es war spannend zu sehen, wie schnell aus ersten Unsicherheiten eigene kreative Entscheidungen entstanden. Viele Gruppen entwickelten während des Prozesses ein gutes Gespür dafür, welche Bilder funktionieren und wie sie ihre Geschichte erzählen möchten.

Die entstandenen Reportagen

Am Ende entstanden verschiedene lokale Videoreportagen aus Grüsch und der Val Lumnezia. Die Jugendlichen erzählten Geschichten über Menschen, Orte und Themen, die einen direkten Bezug zu ihrem Alltag und ihrer Umgebung hatten.

Die fertigen Beiträge wurden anschliessend von RTR veröffentlicht und zeigen, wie vielfältig Lokaljournalismus sein kann, wenn junge Menschen ihre eigene Perspektive einbringen.

Alle Lokalreporter-Beiträge auf RTR entdecken

Gestaltung und Begleitmaterialien

Neben der direkten Arbeit mit den Jugendlichen gehörte auch die Entwicklung verschiedener Projektmaterialien zu unseren Aufgaben.

Für die Workshops entstanden Präsentationen und Unterrichtsmaterialien, welche die Inhalte verständlich und praxisnah vermitteln sollten. Dabei mussten komplexe Themen wie Bildgestaltung, Storytelling oder Videoschnitt so heruntergebrochen werden, dass sie direkt angewendet werden konnten.

Zusätzlich entstanden verschiedene Kommunikationsmittel rund um das Projekt, darunter Flyer und weitere Printprodukte. Diese begleiteten die Durchführung und machten das Projekt auch ausserhalb des Klassenzimmers sichtbar.

Fazit

Für uns als Studierende war «Lokalreporter» ein Projekt zwischen Journalismus, Gestaltung, Medienpädagogik und technischer Umsetzung.

Die grösste Herausforderung bestand darin, unser eigenes Wissen so weiterzugeben, dass Jugendliche ohne Vorerfahrung direkt damit arbeiten konnten. Statt perfekte Filmproduktionen zu erstellen, stand im Mittelpunkt, Menschen zu befähigen, selbst Geschichten zu erzählen.

Gerade im Lokaljournalismus bietet dieser Ansatz spannende Möglichkeiten. Denn oft sind die interessantesten Geschichten nicht weit entfernt. Manchmal braucht es nur jemanden, der genau hinschaut, Fragen stellt und die Kamera einschaltet.

(mbi)

Rückblickend war das Lokalreporter-Projekt eine spannende Schnittstelle zwischen Journalismus, Medienproduktion und Wissensvermittlung. Besonders bereichernd war die Zusammenarbeit zwischen der FH Graubünden, RTR und Somedia, da unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven zusammengeführt wurden. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass die Vermittlung von Fachwissen an Jugendliche eine andere Herangehensweise benötigt als die eigene praktische Anwendung. Inhalte, die für uns als Multimedia-Production-Studierende selbstverständlich wirkten, mussten stark vereinfacht und didaktisch sinnvoll aufbereitet werden.

Eine Herausforderung bestand insbesondere darin, die richtige Balance zwischen Theorie und Praxis zu finden. Gerade Themen wie Bildgestaltung, Tonaufnahme oder Videoschnitt bieten eine grosse inhaltliche Tiefe. Während der Vorbereitung bestand die Gefahr, zu viele technische Details vermitteln zu wollen. Erst während der Workshops wurde deutlich, dass kurze Inputs mit direkter praktischer Anwendung für die Jugendlichen wesentlich wertvoller waren als umfangreiche theoretische Erklärungen. Für zukünftige Vermittlungsprojekte nehme ich mit, Inhalte noch stärker aus Sicht der Zielgruppe zu denken und weniger vom eigenen Vorwissen auszugehen.

Auch die Planung der Workshops stellte eine Herausforderung dar. Obwohl die Projektwochen in Grüsch und der Val Lumnezia klar strukturiert waren, mussten wir während der Durchführung flexibel auf unterschiedliche Dynamiken innerhalb der Klassen reagieren. Einige Gruppen entwickelten sehr schnell eigene Ideen und benötigten vor allem kreative Unterstützung, während andere mehr Begleitung bei grundlegenden technischen oder konzeptionellen Fragen brauchten. Eine stärkere Vorbereitung verschiedener Schwierigkeitsstufen oder zusätzlicher Aufgaben hätte geholfen, noch individueller auf die einzelnen Gruppen einzugehen.

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die praktische Umsetzung mit Smartphones. Der Ansatz, mit einfachen und zugänglichen Mitteln zu arbeiten, war grundsätzlich sinnvoll und entsprach dem Ziel des Projekts. Gleichzeitig zeigte sich jedoch, dass unterschiedliche Geräte, Apps und technische Voraussetzungen zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen. Gerade beim Schnittprozess führten verschiedene Systeme und Vorkenntnisse dazu, dass spontan Lösungen gefunden werden mussten. Eine noch detailliertere technische Vorbereitung hätte gewisse Probleme reduzieren können.

Auch in der Erstellung der Begleitmaterialien wie Präsentationen, Unterrichtsunterlagen und Printprodukten wurde deutlich, wie anspruchsvoll zielgruppengerechte Kommunikation ist. Die Materialien mussten einerseits fachlich korrekt sein, andererseits aber einfach genug bleiben, um Jugendliche ohne Vorerfahrung abzuholen. Dieser Reduktionsprozess war teilweise herausfordernder als die eigentliche Gestaltung der Inhalte.

Insgesamt war das Projekt trotz dieser Herausforderungen eine sehr wertvolle Erfahrung. Besonders die Kombination aus eigener Medienkompetenz und deren Weitergabe an andere zeigte mir eine neue Perspektive auf die eigene Arbeit. Das Projekt machte deutlich, dass erfolgreiche Medienproduktion nicht nur aus technischem Können besteht, sondern auch daraus, Wissen verständlich weiterzugeben, Menschen zu begleiten und kreative Prozesse zu ermöglichen.