I WISH I KNEW EARLIER, THAT…

I wish I knew earlier, that… ist ein persönliches Fotojournal, das sich mit den Dingen beschäftigt, die mir zu Beginn meiner fotografischen Arbeit gefehlt haben. Nicht im Sinne von technischen Grundlagen oder Kameraeinstellungen, sondern als Denkansätze: Wie Bilder wirken, warum sie sich ruhig, filmisch oder hart anfühlen – und welche Entscheidungen diese Wirkung beeinflussen.

Link zu meinem Fotojournal als PDF: https://www.mariareichmuth.ch/fotojournal.pdf

Das Projekt ist bewusst kein Guide und kein Lehrmittel. Es basiert auf etwa einem halben Jahr intensiver fotografischer Praxis und sammelt Learnings, die sich erst durch Erfahrung, Fehlversuche und Nachbearbeitung ergeben haben. Im Zentrum steht dabei weniger das perfekte Bild als der Weg dorthin.

Hier sind einige meiner Fotos, die ich im Journal analysiere:

Das Journal ist thematisch in Kapitel gegliedert, die jeweils einen fotografischen Aspekt behandeln, darunter Licht, Kontrast, Komposition, Brennweiten, Bildbearbeitung, Color Grading oder der Einsatz von Unschärfe. Diese Themen werden nicht theoretisch erklärt, sondern anhand eigener Fotografien reflektiert. Viele Kapitel arbeiten mit vorher–nachher-Vergleichen, um sichtbar zu machen, wie stark sich Bildwirkung durch bewusste Entscheidungen – insbesondere in der Postproduktion – verändern lässt.

Bildbearbeitung spielt im Projekt eine zentrale Rolle. Sie wird nicht als Korrektur oder Notlösung verstanden, sondern als integraler Teil des fotografischen Prozesses. Die Kamera liefert für mich das Rohmaterial, die eigentliche Aussage eines Bildes entsteht oft erst in der Nachbearbeitung. Dieser Ansatz hat mir geholfen, Druck abzubauen und Fotografie weniger als technisches, sondern stärker als gestalterisches Medium zu begreifen.

Das Fotojournal ist bewusst nicht linear aufgebaut. Mein Lernprozess verlief nicht geradlinig, und genau das bildet die Arbeit ab. Neben gelungenen Bildern finden sich auch Misserfolge, Unsicherheiten und Situationen, in denen Entscheidungen im Nachhinein kritisch hinterfragt werden. Nicht jedes Foto steht für ein klares Learning – manche sind einfach aus Versehen gut gelungen. Auch diese Zufälligkeit ist Teil des Projekts.

Hier sind einige weitere Fotos, die ich im Journal analysiere:

Gestalterisch verfolgt das Journal eine klare, reduzierte Bildsprache mit einem starken Fokus auf Stimmung, Farbe und Kontrast. Besonders im Bereich Color Grading orientiert sich das Projekt an filmischen Referenzen, um zu verstehen, wie Farbe Bilder zusammenhalten und eine kohärente Bildwelt erzeugen kann. Ziel ist nicht ein möglichst realistischer Look, sondern eine bewusste, konsistente Ästhetik.

I wish I knew earlier, that… versteht Fotografie als Prozess des Sehens, Beobachtens und Entscheidens. Die Arbeit zeigt keine fertige fotografische Position, sondern einen offenen Lernstand. Sie dokumentiert, wie sich der Blick auf Bilder verändert, wenn man beginnt, weniger Regeln zu befolgen und mehr auf Wirkung zu achten.

(abb)

Rückblickend bin ich mit dem Fotojournal I wish I knew earlier, that… inhaltlich sehr zufrieden. Besonders gelungen ist für mich die konsequente Selbstreflexion, die während des gesamten Arbeitsprozesses entstanden ist. Viele der Erkenntnisse, die im Journal festgehalten sind, hätten sich ohne dieses bewusste Zurückschauen vermutlich nie so klar formulieren lassen. Durch das Schreiben und Analysieren meiner eigenen Bilder habe ich begonnen, fotografische Entscheidungen nicht nur intuitiv zu treffen, sondern auch zu hinterfragen und einzuordnen.

Ein grosser Mehrwert des Projekts liegt für mich darin, dass die Learnings nicht aus Theorie oder Tutorials übernommen wurden, sondern aus eigener Praxis stammen. Viele der beschriebenen Aha-Momente sind direkt aus Fehlversuchen entstanden – aus falsch gesetztem Fokus, zu viel Kontrast, ungünstigem Licht oder übertriebener Unschärfe. Diese Erfahrungen festzuhalten und sichtbar zu machen, hat mir geholfen, wiederkehrende Muster in meinen Erfolgen und Misserfolgen zu erkennen. Dadurch ist das Journal weniger eine Sammlung schöner Bilder als vielmehr ein Dokument meines fotografischen Denkprozesses.

Positiv empfinde ich auch den offenen Umgang mit Unperfektion. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, nur gelungene Bilder zu zeigen, und stattdessen auch Unsicherheiten und Fehlentscheidungen thematisiert. Diese Ehrlichkeit war für mich wichtig, weil sie Fotografie als etwas Lernbares und Veränderbares zeigt – nicht als Fähigkeit, die man entweder beherrscht oder nicht.

Gleichzeitig hat das Projekt klare Schwächen. Gestalterisch ist das Booklet sehr rudimentär aufgebaut und folgt einer eher klassischen Struktur. Rückblickend hätte ich mir hier mehr Mut zu einer kreativeren Gestaltung gewünscht. Dazu fehlte mir aber um ehrlich zu sein eine gute Idee und auch mehr Zeit. Gerade weil das Projekt stark visuell geprägt ist, wäre ein experimentelleres Layout oder ein spielerischerer Umgang mit Typografie und Seitenaufbau denkbar gewesen.

Auch die Wahl des Formats empfinde ich im Nachhinein als Einschränkung. In der aktuellen Form konkurrieren Text und Bild teilweise um Aufmerksamkeit. Einige Texte sind relativ dicht gesetzt, während die Bilder nicht immer die Grösse erhalten, die ihnen eigentlich zustehen würde. Ich habe mich aber auch zum Teil sehr verkopft, weil ich im Zwiespalt war zwischen «Bilder kommentieren» und «Bilder für sich sprechen lassen». Deshalb habe ich mich dann auch entschieden: wieso nicht beides? Für manche ist der Aufbau nun vielleicht etwas inkonsistent. Vielleicht würde mir da bei einem nächsten Mal noch eine bessere Lösung einfallen.

Insgesamt überwiegt für mich jedoch der inhaltliche Gewinn des Projekts. Das Fotojournal hat mir geholfen, meine eigene fotografische Haltung zu schärfen und bewusster mit Bildwirkung umzugehen. Es ist kein abgeschlossenes Werk, sondern ein Zwischenstand – und genau so ist es auch gedacht. Viele der angesprochenen Themen möchte ich in zukünftigen Arbeiten vertiefen und gestalterisch weiterentwickeln, insbesondere im Hinblick auf Format, Layout und narrativen Aufbau.