Geteilte Räume

Zwischen Hochhäusern, engen Seitengassen, Märkten und belebten Strassen sind mir auf meiner Reise immer wieder Tiere begegnet. Sie waren Teil des Stadtbildes, bewegten sich durch dieselben Räume wie die Menschen und schienen dennoch ihre ganz eigene Welt zu haben.

Ohne es bewusst zu planen, begann ich diese Begegnungen festzuhalten. Mit der Zeit entstand eine Sammlung von Fotografien, die unterschiedliche Tiere an unterschiedlichen Orten zeigt, verbunden durch denselben Gedanken: einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit inmitten des ständigen Trubels der Stadt. Die Bilder dokumentieren keine spektakulären Wildtierbeobachtungen und verfolgen keinen wissenschaftlichen Anspruch. Stattdessen zeigen sie Augenblicke, die leicht übersehen werden: einen Hund, der mich auf der Strasse anlächelt, eine Katze auf dem Tisch in einem kleinen versteckten Restaurant oder eine Ente, die sich auf einem Steg putzt.

Jede Aufnahme steht für eine kleine Begegnung, die nur wenige Sekunden gedauert haben mag, aber dennoch in Erinnerung geblieben ist. Zusammen bilden die Fotografien ein persönliches Archiv dieser Momente und zeigen eine Seite der Städte, die oft unbeachtet bleibt. Sie erinnern daran, dass urbane Räume nicht nur von Menschen geprägt werden, sondern auch von den Tieren, die ihren Platz darin gefunden haben.

Die Aufnahmen sind das Ergebnis einer bewussten Auswahl und Bearbeitung. Die Fotografien habe ich in Lightroom so bearbeitet, dass die Tiere im jeweiligen Moment stärker in den Fokus zu rücken und ihre Präsenz im urbanen Umfeld subtil hervorgehoben wird. Dabei ging es mir weniger um eine dokumentarische Abbildung als vielmehr um eine Verdichtung des Blicks, um die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was im Alltag oft nur nebenbei wahrgenommen wird. Die Bearbeitung unterstützt diese Wahrnehmung, indem sie den Fokus auf die Tiere legt und sie aus dem visuellen Trubel der Stadt hervorhebt. So entsteht eine subjektive Perspektive auf die urbane Umgebung, in der nicht nur das Sichtbare, sondern auch das Gefühlte und Erinnerte eine Rolle spielt.

Im Anschluss an diese verdichteten Bilder folgt ein Blick zurück auf die ursprünglichen Aufnahmen:

Die unbearbeiteten Fotografien zeigen die Situationen in ihrer unmittelbaren Form, so wie sie im Moment der Begegnung tatsächlich entstanden sind. Sie verweisen auf die Rohheit und Zufälligkeit dieser Augenblicke und machen sichtbar, wie sehr die spätere Bearbeitung bereits eine Auswahl und Interpretation darstellt. Zusammen bilden beide Ebenen (bearbeitet und unbearbeitet) ein Spannungsfeld zwischen Wahrnehmung und Realität. Sie zeigen nicht nur Tiere im urbanen Raum, sondern auch den Prozess des Sehens selbst: wie flüchtige Eindrücke zu Bildern werden und wie sich Bedeutung erst im Nachhinein formt.

So entsteht eine Bildserie, die nicht nur einzelne Tiere zeigt, sondern auch das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Stadt reflektiert. Die Arbeit versteht sich als leise Annäherung an das urbane Zusammenleben verschiedener Lebensformen als Versuch, Momente festzuhalten, die sonst im Vorübergehen verschwinden würden und ihnen innerhalb der visuellen Erzählung Raum zu geben.

(mbi)

Reflexion

Während der Arbeit an dieser Bildserie wurde mir bewusst, wie stark fotografische Ergebnisse von Geduld, Aufmerksamkeit und Zufall abhängig sind. Anders als bei inszenierten Portraits oder geplanten Fotoshootings hatte ich bei diesen Aufnahmen nur wenig Kontrolle über die Situation. Die Tiere bewegten sich frei durch die Umgebung und oft blieben nur wenige Sekunden Zeit, um ein Bild aufzunehmen. Dadurch entstanden zwar authentische Momente, gleichzeitig führte dies aber auch dazu, dass nicht jede Aufnahme technisch perfekt wurde. Manche Bilder hätten beispielsweise von einer anderen Perspektive, einer längeren Beobachtungszeit oder besseren Lichtverhältnissen profitiert.

Eine weitere Herausforderung war die Auswahl der Bilder. Während der Reise entstanden deutlich mehr Aufnahmen, als letztendlich in die Serie aufgenommen wurden. Die Schwierigkeit bestand darin, Fotografien auszuwählen, die nicht nur einzelne Tiere zeigen, sondern gemeinsam eine zusammenhängende Erzählung bilden. Dabei musste ich entscheiden, welche Bilder inhaltlich etwas zur Serie beitragen und welche zwar gelungen waren, aber nicht zur Gesamtwirkung passten.

Auch die Bildbearbeitung in Lightroom erforderte einige Überlegungen. Mein Ziel war es, die Aufmerksamkeit stärker auf die Tiere zu lenken, ohne die Bilder künstlich wirken zu lassen. Es war nicht immer einfach, die richtige Balance zwischen Bearbeitung und Natürlichkeit zu finden. Bei einzelnen Aufnahmen bestand die Gefahr, dass durch zu starke Anpassungen die ursprüngliche Stimmung verloren geht. Deshalb habe ich versucht, zurückhaltend zu arbeiten und die Bearbeitung vor allem dazu zu nutzen, den Blick gezielt auf die Tiere zu lenken.

Rückblickend hätte ich teilweise noch bewusster mit Bildserien arbeiten können. Einige Motive zeigen ähnliche Situationen, während andere Aspekte des Zusammenlebens von Mensch und Tier im urbanen Raum stärker hätten vertreten sein können. Gleichzeitig empfinde ich genau diese Zufälligkeit auch als Stärke des Projekts. Die Serie entstand nicht nach einem festen Plan, sondern aus spontanen Begegnungen während der Reise. Dadurch wirken die Bilder für mich ehrlich und dokumentieren nicht nur Tiere in der Stadt, sondern auch meinen eigenen Blick auf diese Orte.

Insgesamt hat mir das Projekt gezeigt, wie viel Potenzial in alltäglichen Beobachtungen steckt. Oft sind es nicht die spektakulären Motive, die in Erinnerung bleiben, sondern die kleinen Begegnungen am Rand des Geschehens. Gerade diese unscheinbaren Momente wollte ich sichtbar machen. Die Arbeit hat mich dazu angeregt, im Alltag aufmerksamer zu fotografieren und auch scheinbar gewöhnlichen Situationen mehr Beachtung zu schenken.