Breathe In Breathe Out

Ein Lied, eine Sängerin, ein Raum, sieben kreative Herzen – ein Musikvideo.

Lass mal schnell ein Musikvideo machen. Denkste! An zwei Drehtagen entstand das Musikvideo mit der Zürcher Künstlerin Stefanie Gubser alias Pina Jung. Doch wer jetzt denkt mit den zwei Drehtagen hat sich’s erledigt, täuscht sich gewaltig. Zu einem durchdachten und ordentlich konzipierten Musikvideo gehört nicht nur eine kreative Idee, sondern auch Musical-Breakdowns, Moodboards, ein Exposé, ein Storyboard, Shotlists, und, und, und. Das sind alles Werkzeuge, die helfen, die Idee greifbar und umsetzbar zu machen.

Weil sich bei diesem Projekt einiges an Konzeptionsmaterial gesammelt hat, wurde eine mögliche Step-by-Step-Konzeptionsanleitung für das nächstes Musikvideoprojekt zusammengestellt. Alle Dokumente sind einsehbar und können für den individuellen Gebrauch genutzt und abgewandelt werden.

Was dich aber zuvor noch erwartet? Wir beschreiben es mal als konzeptuelles Musikvideo mit einer Prise vom Performance- wie auch vom Narrativ-Musikvideo. Um zu wissen, was es damit auf sich hat, wird empfohlen, nach dem Videoschauen weiterzulesen. Und dann noch ein bisschen weiter, denn in der Kritik verbergen sich gleich noch ein paar hilfreiche Tipps und Tricks.

How to Musikvideo

Alle Dokumente zur Konzeption sind einsehbar und dürfen für den eigenen Gebrauch genutzt werden.
Portfolio mit Musical-Breakdown, Storyboard etc.
Template Shotlist
Template Drehplan
Template Equipmentliste

Schritt 1 | Informier dich
Es kann nicht schaden, sich mit der Geschichte des Musikvideos auseinanderzusetzen, bevor man sein eigenes produziert. Denn die Geschichte verrät einiges über die Machart, welche einen direkten Zusammenhang mit dem Vorhaben des Videos hat.

Hinweis: Bei diesem Abschnitt geht es unter anderem um geschichtliche Hintergründe. Falls dich das so gar nicht interessiert, kannst du diesen Teil überspringen.

Musikvideos entstanden aus einem simplen Zweck: Werbung machen. Es geht darum, die Sänger:innen und Bands und deren Musik anhand zur Musik passenden Kurzfilmen zu promoten. Zu den Pionieren in den 60er- und 70er-Jahren gehörten unter anderem die Beatles, die mit sehr einfach produzierten Videos, die einer Live – Performance ähnelten, ihren Fans ein Stück näher kamen – in die Flimmerkiste im eigenen Wohnzimmer. 

Ab 1975 ging es mit den Promotionsvideos so richtig los. Den Beginn machten die Queens mit ihrem Stück „Bohemian Rhapsody“, dessen Video das perfekte Beispiel für ein erfolgreiches Musikvideo ist. Genau dort setzten wir an. Es ist mysteriös, überraschend und enthält Parts mit Live-Performances, welches dich beinahe in ein richtiges Queens-Konzert versetzt. Ein weiterer cleverer Zug: Eine Kameraeinstellung ist identisch mit dem Coverfoto des Albums Queen II. Stichwort Wiedererkennung.

Weitere wichtige Punkte sind:
– audiovisuelle Übereinstimmung in Bezug auf Stimmung
– Effekte passend zum Beat
– Persönlichkeit und Stil des Sängers:der Sängerin/der Band einbringen
– einheitliche Farbgebung
– Story
– Aufmerksamkeit durch Ungewöhnliches schaffen und halten

Es hilft, die Idee des eigenen Videos einem Musikvideo Style zuzuordnen. Es kann natürlich auch eine Mischform sein. Man spricht, neben Animations- und Lyricvideos, von drei unterschiedlichen Genres. Einmal das Performance-Video, wobei die Künster:innen (fast) durchgehend performen. Dann gibt es Musikvideos, die einem Narrativ, einer durchgehenden Storyline oder auch mehreren parallel verlaufenden Storylines folgen. Die konzeptuellen Musikvideos wiederum basieren auf einem einzigen Konzept oder einer Idee: Sie sind sehr ungewöhnlich und oft teuerer zu produzieren als die anderen beiden, da zum Beispiel aufwendige Special Effekt verwendet werden.

Schritt 2 | Inspirier dich
Geh auf YouTube und schaue dir einige Musikvideos an. Erstelle aus den Videos, die dich am meisten ansprechen, eine Playlist und schaue, ob du Gemeinsamkeiten findest oder eine ähnliche Struktur erkennst. Diese kannst du auf dein Idee ableiten.

Schritt 3| Stimmung einfangen durch gemeinsames Brainstorming
Höre dem Lied aufmerksam zu – das geht besonders gut mit geschlossenen Augen. Schreibe dir danach auf, was dir dabei in den Sinn kam. Das können einzelne Wörter sein, aber auch Muster oder kleine Zeichnungen. Lass dich von der Musik leiten. Mache diese Übung mit anderen Personen. Im Anschluss wird ausgetauscht und diskutiert. Die Wörter und Bilder geben dir eine erste Idee davon, wie du und andere Hörer:innen das Lied auffassen.

Schritt 4 | Lyrics verstehen
Wo es bei Schritt 3 primär um die allgemeine Auffassung der Stimmung geht, wird es nun analytischer. Liess aufmerksam die Lyrics durch und versuche sie zu interpretieren. Später kann mann die:der Sänger:in oder Band einbeziehen, um zu erfahren, welche Emotionen das Lied aus ihrer Sicht auslösen sollte.

Schritt 5 | Moodboards erstellen
Um die Bilder im Kopf auf Papier zu bringen, hilft es, Moodboards zu erstellen. Diese können, je nachdem, wo man im Ideenprozess steht, ganz unterschiedlich sein. Es können reine Farb-Moodboards sein, Bilder (beispielsweise von Unsplash), welche die Stimmung verraten oder bereits konkrete Szenenbeispiele. Sie helfen den Sänger:innen eine erste, sehr grobe Vorstellung zu geben, wie du das Video gestalten möchtest.

Schritt 6 | Musical-Breakdown
Setz dich nun noch tiefer mit der Musik auseinander. Der Musical-Breakdown nimmt das Lied in seinen Einzelteilen auseinander. Beats, Drops, Hits usw., werden sorgfältig gefiltert und beschrieben (siehe Musical-Breakdown). Je mehr du dich mit der Musik im Detail auseinandersetzt, umso sorgfältiger und treffender wird der Schnitt in der Postproduktion.

Schritt 7 | Skizzen
Die Skizzen können bereits die allerersten Teile des Storyboards werden. Falls du konkrete Ideen zu einer Szene hast, zeichne sie auf. Wenn dir zeichnen nicht so liegt, mach eine Art Collage.

Schritt 8 | Exposé
Bringe deine Idee auf den Punkt. Dabei geht es darum zu beschreiben, was man sieht und welche Stimmung oder auch Emotionen hervorgerufen werden. Was ist die Hauptaussage? Das Exposé dient dazu, die eigene Idee zu verkaufen und neugierig zu machen.

Schritt 9 | Treatment
Das Exposé in detaillierter Form gibt die Chronologie des Videos vor. Deine Ideen werden dadurch auch für dich greifbarer. Es macht gar nichts, wenn sich konkrete Ideen später während dem Storyboarden noch verändern. Wie du anhand dieses Projekts sehen kannst, unterscheiden sich Treatment und Storyboard ebenfalls. Die Struktur wurde aber praktisch beibehalten. Falls das Treatment an Dritte (v.a. bei Sponsoring-Anfragen) weitergegeben wird, kann es Sinn machen, es an die neue Ideen anzupassen, um sie verständlich zu kommunizieren. Ansonsten ist das Treatment ein weiteres Tool im Prozess, welches dir hilft.

Schritt 10 | Storyboard – jetzt wird’s konkret
Storyboards sind vor allem bei Narrativen wichtig, aber eigentlich immer von Vorteil. Pfeile für geplante Kamerafahrten helfen den Kameraleuten, das Video zu verstehen und am Dreh viel effizienter zu arbeiten. Falls du dich mit dem Stift in der Hand nicht so wohl fühlst – keine Angst. Storyboards müssen nicht immer gezeichnet sein. Auch hier können Collagen reichen. Strichmännchen meistens auch. Hilfreiche Templates gibt es hier.

Schritt 11 | Shotlist
In den meisten Fällen wird nicht chronologisch nach Storyboard gedreht. In Bezug auf Licht-, Location- und Requisitensetting macht es je nachdem mehr Sinn zum Beispiel Szene 9.0 als erste und Szene 1.0 als letzte zu drehen. Oder müssen einzelne Szenen mehrfach gedreht werden (Overlays)? Dafür gibt es die Shotlist. Für die Vorbereitung ist es nützlich, die benötigten Requisiten dazuzuschreiben. Um später im Drehplan die Drehdauer der einzelnen Szenen abschätzen zu können, hilft es, die effektive Dauer der Szene im Track zu notieren.

Schritt 12 | Equipmentliste
Hier immer die verantwortliche Person und der aktuelle Stand der zu organisierenden Sachen vermerken (schon organisiert oder in Abklärung?). Teile die Equipmentliste in verschiedene Bereiche auf, um eine bessere Übersicht zu bewahren (siehe Equipmentliste). 

Schritt 13 | Drehplan
Der Drehplan zeigt an, ob die geplante Zeit, überhaupt ausreicht, um alle Szenen zu drehen. Beim effektiven Dreh sieht man, wo man steht und wie viel noch zu tun ist. Beim Drehplan kommt die Shotlist wie zum Zug, da du anhand dessen die Drehdauer abschätzen kannst. Was oft vergessen geht, aber unbedingt in den Drehplan muss, sind Pausen- und Pufferzeiten! Schlussendlich hatten wir es dem Zeitpuffer zu verdanken, dass wir alle Szenen abdrehen konnten. Falls du dich wirklich strickt an den Drehplan halten kannst, ziehe ich den Hut vor dir.

Diese Step-by-Step-Anleitung betrifft nur die eigentliche Konzeption und Drehvorbereitung und gibt eine Idee, in welcher Abfolge man vorgehen kann. Diese muss aber nicht akribisch durchgesetzt werden. Schlussendlich entscheidet die Machart und Komplexität des Videos, welche Schritte und Vorbereitungen für das Endresultat überhaupt wichtig sind.
Auch bei diesem Projekt griffen die einen oder anderen Schritte ineinander über. Doch: Jeder einzelne Schritt hatte seine Wichtigkeit im Grossen und Ganzen.

Kommunikationsformate
(werden in der Kritik bei Abschnitt 9|Kommunikation beschrieben)
Da das Video noch nicht offiziell über den Account der Sängerin veröffentlicht wurde, handelt es sich beim Release um ein fiktives Datum. Nach der Veröffentlichung sind die Videos und Bilder auf dem Instagram-Account von Pina Jung zu finden.

Teaser 1
Teaser 2
Teasing 3
Releasevideo

Behind the Scenes

(dbo)

Die Kritik zur Vorbereitung, Produktion, Postproduktion und Kommunikation wird aus der Sicht von Tamara Reichle (Regie, Produktionsleitung) geschildert. In den darauf folgenden Abschnitten geht jedes weitere Teammitglied genauer auf seinen spezifischen Arbeitsbereich (wie Regieassistenz, Kamera, Kameraassistenz, Licht, Visuals) während des Projekts ein. Die Konzeptionsarbeit wird hier nicht mehr extra beschrieben, da sie gemäss der oben stehenden Anleitung gemacht wurde. 

1 | „Nie ohne mein Team“
Als Allererstes brachte ich Jana Hug mit ins Boot. Bis dahin stand der Konzeptionsteil bis und mit dem Storyboard bereits. Die Ausarbeitung des Musikvideos war zwar schon sehr konkret, trotzdem blieb ich offen für neue Ideen ihrerseits. Vor allem für die Teile, bei denen ich selber noch nicht zufrieden war. Ich entschied mich ganz bewusst nur sie in die Konzeptionsplanung einzubeziehen. Denn wir kennen alle das Sprichwort: Zu viele Köche verderben den Brei. Und es wäre schlicht und einfach zu kompliziert geworden, hätten alle ihre Ideen geteilt.
Gemeinsam tauschten wir uns aus, mit welchen Personen wir gerne zusammenarbeiten würden und hörten auf unser Bauchgefühl. So entstand das Team. Das gute Bauchgefühl hat sich bis heute bewährt und niemand hat sich fehl am Platz gefühlt. Wichtig war mir hierbei der Frauenanteil. Female Representation nicht nur im Video, sondern auch hinter den Kulissen. Denn Erfahrungen zeigten, dass sich Frauen eher weniger zutrauen, vor allem im technischen Bereich. Dies kommunizierte ich von Anfang an ganz klar.

2 | Aufgabenteilung
Am 9. März 2021 brachte ich das ganze Team bei einem Zoom – Call zusammen, präsentierte das Projekt mit dem vorbereiteten Portfolio und konnte damit alle gleichzeitig informieren und einen Überblick geben. Wir teilten die Arbeitsbereiche gemeinsam ein, was ein wichtiger erster Schritt war. Dadurch konnte man  später nur mit den einzelnen Personen die jeweiligen Bereiche besprechen, was viel effizienter war.

3 | Visuals
Die Visuals, welche als Projektionen im Video zu erkennen sind, wollte ich zuerst alle selber produzieren. Mein Fokus bei dem Projekt lag allerdings nicht auf das Erlernen von After Effects oder Blender. Letztlich fragte ich Oscar, mit den Visual einen Teil am Projekt beizutragen – er übertraf meine Vorstellungen. 

Zudem setzte ich mich mit Projektion-Mapping auseinander, bei dem man nur auf einen ausgewählten Bereich projiziert. Am Ende nutzen wir die Technik jedoch nur bei der Projektion von Pina Jung auf dem Vorhang. Ein verständliches Tutorial zur Projektion-Mapping-Technik gibt es hier.

4 | Locationscouting
Das Locationscouting war einer der wichtigsten Tage der Preproduktion. Danach wussten wir, was uns erwartet und welche technische Möglichkeiten wir haben. Unsere Location war die Blackbox in der HKB Bern, in welche wir zuerst eine Einführung brauchten.

5 | Tests

Sind ein enorm wichtiger Schritt, um Gewissheit zu schaffen!
Nachdem Hugo vom Media Lab eine kurze Einführung zur Lichttechnik in der Blackbox gab, machten wir im Anschluss einige Lichttest. Das war quasi das erste Mal, wo das Konzept reale Gestalt annahm. Es war eine riesige Erleichterung zu sehen, dass die Projektionen und das Lichtkonzept funktionieren. Falls sie es nicht getan hätten, hätten wir genug Zeit gehabt, eine Alternative zu finden.

6 | Wie uns Corona ein Strich durch die erste Rechnung machte…
Eine Woche vor Drehdatum mussten wir aufgrund eines Coronavorfalls den ganzen Dreh verschieben. Weshalb ich diesen Punkt extra erwähne? Weil es gezeigt hat, dass man sich in diesem Moment der Situation stellen und reagieren muss. In einem Tag buchte ich das Studio und das Equipment auf einen anderen Tag um (das war kurzfristig gar nicht so einfach) und sprach mich mit Sängerin und Team ab. Dieser Tag war ein einziger Telefonmarathon – mit Erfolg.


7 | Produktion
Aufbau
Es zeigte sich: Genug Zeit für den Aufbau, letzte Tests und Proben einzuplanen, lohnt sich. Da wir beim ersten Besuch in der Blackbox bereits einige Test machen konnten und die aufzubauenden Requisiten übersichtlich waren, planten wir einen halben Tag ein. Wir richteten zudem einen Bereich für Ankleide und Maske (mit extra Licht und Diffuser für optimale „Schminkverhältnisse“) und ein kleines Catering mit Getränken und kleinen Snack für zwischendurch auf. Dadurch wurde am Dreh niemand „hangry“ was einen direkten Einfluss auf die Gesamtstimmung hatte. Ich empfehle: Bereite das Setting inklusive Licht für die erste Szene bereits einen Tag vor Drehbeginn vor. Wir konnten die somit gewonnene Zeit für letzte wichtige Besprechungen nutzen.

Die Aufbauarbeiten unterscheiden sich von Projekt zu Projekt enorm, aber plane unbedingt genug Zeit ein. Wir hatten für alles was geplant war (siehe Drehplan) zu wenig eingerechnet. So waren wir bis um 21 Uhr im Studio. Alle waren erschöpft und besonders ich ziemlich nervös, weil bereits am ersten Tag nicht alles nach Plan verlief.

Dreharbeiten
An den Drehtagen zahlte sich dann aber die Vorarbeit aus. Mithilfe des Drehplans, Storyboards und der Shotlist, welche in gedruckter Version und digital für alle jederzeit einsehbar waren, konnten wir systematisch Szene für Szene durchspielen. Für die ersten Szenen brauchten wir zwar viel länger, als geplant war, da wir aber fast den ganzen Nachmittag als Puffer für Wiederholungen etc. eingeplant haben, konnten wir um 19 Uhr dennoch in der schönen Altstadt Bern auf einen erfolgreichen Tag anstossen. Ich bin fest der Meinung, dass dadurch eine ausgelassene Stimmung entstand, die uns am nächsten Tag noch besser zusammenarbeiten liess.

Daten
Gedreht wurde mit der Blackmagic Pocket Cinema 4k im „Blackmagic Raw“ Format, um die bestmögliche Bildqualität zu erzielen. Wir hatten den Luxus mit zwei Kameras zu drehen – eine auf dem Gimbal (Ronin S) und eine auf dem Stativ (Sachler Flow Tech). Dadurch mussten wir sie nicht immer umbauen, was ein absoluter Luxus war. Beim „Blackmagic Raw“ Format ist noch was speziell zu beachten. Premiere Pro supported dieses Videoformat nicht, weshalb zusätzlich ein Plugin installiert werden muss, welches unauffällig im Hintergrund läuft. Sei klüger als ich und installiere es schon vor dem Dreh, falls du kurz was in Premiere prüfen möchtest. Das Programm kann in der aktuellsten Version hier heruntergeladen werden.
Genug Festplatten einzupacken ist bei diesen Datenmenge ein MUSS. An den zweieinhalb Drehtagen (Testdreh und 2 effektive Drehtage) sammelten wir rund 561.1 Gigabyte.


8 | Postproduktion
Verwendete Software: Premiere Pro

Schnitt
Mit der Postproduktion wartete ich (Tamara) kaum einen Tag. Dadurch wusste ich noch genau, welche Takes besonders gut sind und welche zu den Outtakes gehören. Nichtsdestotrotz sichtete ich alle (und wirklich alle) Aufnahmen. Denn auch aus vermeintlichen Outtakes kann man kurze, passende Sequenzen finden. Kein geringer Aufwand, wenn man bedenkt, das manche Szenen um die 15 Takes brauchten. Dafür ging es danach umso schneller voran. Dadurch dass ich ein konkretes Storyboard hatte, konnte ich den Rohschnitt systematisch und sehr effizient erarbeiten.

Die folgenden Schritte waren:
– Rohschnittbesprechnung mit Sängerin und Jana H. (Regieassistentin).
– Überarbeitung der Struktur (hierbei auch offen sein, anderes, was nicht genau so im Storyboard steht, auszuprobieren)
– Transitions und Feinschliff (beanspruchte nochmals eine Menge Zeit – Perfektionismus lässt grüssen)
– Picture Lock (der Schnitt wird nicht mehr geändert)

Grading
Das Grading fing eigentlich bereits während des Drehs an. Wir zeichneten im Log – Modus auf und legten auf das Bild des externen Monitors bei der Regie ein LUT. Wir verwendeten eine Mischung zwischen einem „Creative LUT“ und einem „ Correction LUT“, welches einerseits das Log korrigiert und dem Bild zusätzlich einen eigenständigen Charakter verleiht und zu der Lichtstimmung im Studio passte. In der Postproduktion wurde das LUT auf einer eigenen Ebene über die Aufnahmen gelegt und BOOM!: Die gleiche Farbigkeit wie im Studio. Manche Szenen musste man trotz des LUTs separat graden. Dabei kam der Log-Modus, der einen maximalen Kontrastumfang zur Verfügung stellt, zum Zug.

Titelschrift
Font: Impact / Josefine
Effekts: Turbulence Displacement / Gaussian Blur
Darf man nicht unterschätzen! Denn es ist eines der ersten Elemente, welches zu sehen ist und ein wesentlicher Teil des Gesamtlooks. Man kann hierbei auch von Corporate Design sprechen. Die Schrift ist die gleiche Schrift mit den gleichen Effekten, welche auch im Video bei den Visual von Oscar zu erkennen ist. So entsteht eine Einheit.


9 | Kommunikation
Da im Video mächtig viel Arbeit steckt, wäre es schade, es eines Tages ohne Vorankündigungen zu veröffentlichen.
Deswegen wurden zusätzlich zum offiziellen Musikvideo Formate für Instagram produziert, um im Vorfeld Aufmerksamkeit zu erregen. Instagram, weil das die Hauptkommunikationsplattform von Pina Jung ist.

Nr1 | Teaser 1: Wir geben dem User einen ersten Snack, um Aufmerksamkeit zu schaffen.
Ein Foto einer zentralen Szene des Videos. Darüber der Titel des Songs und das Datum vom Video Release. Da der Song bereits vor einiger Zeit veröffentlicht wurde, wird bewusst auf den Video Release hingedeutet. Da bei einem rein statischen Bild oft weitergescrollt wird, wurde die Schrift animiert.

Nr 2 | Teaser 2: Der User bekommt nun einen grösseren Snack dadurch, dass man den Track und weitere Bildebenen preisgibt.
Einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Sequenzen. Kurz (17 Sek), prägnant und schnelle Schnitte. Dies sollten die User ein weiteres Mal vom Weiterscollen abhalten.

Nr 3 | Stills: Mit Stills aus dem Musikvideo werden alle Bildebene gezeigt, nicht aber ihren Zusammenhang.

Nr 4 | Release: Das Video wird auf YouTube veröffentlicht. Für die Verlinkung auf Instagram dient ein kurzer Ausschnitt aus dem Video, welcher auf das Instagramformat angepasst wurde. Meistens wird der Höhepunkt des Tracks verwendet, um die User zu catchen.


Tamara Reichle – Regie und Produktion…
…bedeutete für mich, das Projekt vom ersten Gedanken bis zum Klick auf den Publish – Button zu begleiten. Ich werde gleich ein bisschen emotional, wenn ich daran denke, dass eine Vision, welche ich fast 6 Monate mit mir trug, endlich in Erfüllung und das Projekt zu Ende geht. Und das mit der Hilfe von Jana, nochmals Jana, Ninian, Flavia, Oscar, Manu (Fotograf am Set), mein Papa (Transport) und Stefi (Sängerin),  die mich mit ihrem Können immer wieder umhauten. Zum ersten Mal fand ich mich in der Rolle der Regie wieder, in welcher mich Challenges erwarteten, die ich mal mehr, mal weniger gut meisterte. Im Vorfeld stellte sich besonders die Kommunikation als fordernd heraus. Ich merkte schnell, dass wenn ich mit allen Teammembers alle Punkte bespreche möchte, ich womöglich mein komplettes Semester nur mit diesem Projekt verbringen werde. Deswegen merkte ich schnell, dass wir von Anfang an eine klare Arbeitseinteilung brauchten. So musste ich aber auch lernen, Aufgaben abzugeben und auf die Arbeit und besonders die Zusammenarbeit der anderen zu vertrauen. Am Dreh selber durfte ich erfahren, wo ich mich als Regisseurin noch ziemlich schwertu. An der Bestimmtheit und Entscheidungsfreude hatte es ab und zu gefehlt – meiner Meinung nach. Ich war oft sehr hin und her gerissen, besonders in meinem Kopf und wurde dabei unsicher, was sich wiederum auf die anderen auswirken konnte. Wiederrum war es wichtig auf Inputs zu hören und nicht nur stur das Storyboard durchsetzen zu wollen. Dadurch sind auch einige der besten Szenen gelungen, die nicht mal im Storyboard standen. Es braucht sicher noch eine Menge an Erfahrungen, hierbei eine gesunde Balance zu finden. 


Jana Hug – Regie- und Produktionsassistenz

Als Regie – und Produktionsassistentin war der stetige Austausch zwischen Tamara und mir besonders wichtig. Dieser war auf vielen Ebenen gegeben, sei es bereits früh im Prozess bei der Fertigstellung des Storyboards, der Rekrutierung der Crew, dem ersten Besuch im Studio, dem Dreh selbst oder dann in der Postproduction im Schnitt. 

Es war mir wichtig, ehrlich und offen die eigene Meinung miteinbringen zu können und auch experimentierfreudig an das Ganze heranzugehen und den eigenen Horizont öffnen. Gleichzeitig war mein Ziel, Tamara unter die Arme zu greifen und ihre Visionen versuchen umsetzbar zu machen. Ich wollte unbedingt während des gesamten Projekt-Prozesses „das grosse Ganze“ im Blick behalten, egal ob am Drehtag selbst oder während des Austauschs im Vorhinein. Denn im Eifer des Gefechts kann es schnell einmal passieren, sich in einem Detail zu verlieren. 

Die Zusammenarbeit mit Tamara war super angenehm und meiner Meinung nach haben wir uns während des Projektes sehr gut ergänzt – sei es in Form von kreativem Ideenaustausch, experimentierfreudigen Projektionsanfällen oder der Arbeitsweise vor, während und nach dem Dreh. Immer wieder habe ich meinen Senf zu neuen Versionen, Schriftarten und anderen Snippets dazugegeben. Zudem war der Einsatz als menschliche Spiegelhalterin im Musikvideo eine besonders spannende Erfahrung – danke Tamara für diese Möglichkeit 😉

Ich habe gelernt, wie ein Produktionsablauf von A-Z zustande kommt und wie unglaublich viel Organisation auf verschiedensten Ebenen hinter so einem Projekt steckt.


Jana Leu – Kamera

Ich durfte zum ersten Mal ein Projekt als Kamerafrau unterstützen, in sofern hatte ich im Laufe des Drehs einiges dazugelernt. Zunächst versuchte ich mich mit der Kamera, vertraut zu machen, da ich diese im Vornherein erst einmal genutzt hatte. Zudem ging ich vor dem Dreh nochmals die einzelnen Szenen cinematographisch durch. Vor Ort sprach ich mich aber jeweils noch mit Tamara ab, welche Vorstellungen sie hatte, und versuchte diese, mit meinem eigenen Können und Wissen umzusetzen. 

Es half bereits ein gewisses Verständnis für das Framing und schöne Bildkompositionen zu haben, so fiel mir das Filmen etwas leichter. Insbesondere in den gestalterisch freien Szenen, wo ich Pina Jung beim Tanzen mit der Kamera verfolgte. Hier merkte ich, dass es gut ist, mit den Bewegungen der Sängerin mitzugehen und diese in der Kamerabewegung nachzuahmen. So entstand schlussendlich ein sehr flüssiges Bild. Zudem versuchte ich abzuwechseln zwischen weiten Totalen und nahen Detailaufnahmen. 

Das Endresultat der filmischen Umsetzung gefällt mir sehr gut und ich bin zufrieden mit diesem ersten Kameraprojekt meinerseits. Ich hatte gelernt eine Kamera schnell und gewissenhaft zu bedienen und mich von meiner bildgestalterischen Intuition leiten zu lassen. 


Ninian Mathis – Beleuchtung
Da ich von Tamara schon eher früh mit ins Boot geholt wurde, war ich auch schon bei der Location Besichtigung dabei und sah die Blackbox der HKB als eine absolute Spielwiese der Lichtgestaltung. Durch die grosse Anzahl an verschiedenen Lampentypen, wie Fresnel, Profiler, Flächenleuchten und Par Scheinwerfern, sowie die einfache Montage durch ein motorisiertes Traversenrig, standen uns alle Möglichkeiten offen. Einzig die niedrige Deckenhöhe sahen wir als einen limitierenden Faktor.

Trotz der unendlichen Möglichkeiten hielten wir uns an die Vision der bereits erstellten Mood und Storyboards und probierten eine Grundausleuchtung, bzw. einen Base Look zu erzielen. Dieser sollte mit Blau und Magenta den Look des Albumcovers widerspiegeln. Dies wurde erreicht mit jeweils vier Fresnel Scheinwerfern an den seitlichen Traversen, jeweils ausgestattet mit blauer bzw. magenta Farbfolie. Zusätzlich wurden dann noch einige Profilscheinwerfer für spezifische Szenen als Spots eingesetzt. Die grosse Schwierigkeit war, dass auf der Kamera keinesfalls die Farbkanäle übersteuern, also keine zu hellen zu gesättigten Primärfarben leuchteten. Dass der Look, den sich Tamara vorgestellt hat, tatsächlich funktioniert, konnte somit bereits bei der Besichtigung bestätigt werden. 

Ein weiteres grossen Fragezeichen, war der Einsatz eines Hazers, eine spezielle Art von Nebelmaschine, die einen atmosphärischen Dunst erzeugt. Seitens der HKB waren die Verantwortlichen verständlicherweise recht restriktiv, da eine Abschaltung der Brandmeldeanlage erforderlich war. Von einem anfänglich pauschalen Nein wurde uns ein gewisses Zeitfenster gewährt. Der Hausdienst dann war aber überaus freundlich und konnte uns schliesslich die Brandmeldeanlage bis zum regulären Feierabend des Hausdienstbüros ausser Betrieb setzten. Diese Limitierung war für uns auf der Produktion auch ganz recht, da wir damit eine gewisse Limitierung des Produktionstages gesetzt hatten.
Der Einsatz von Haze machte visuell einen riesigen Unterschied, nahm dem Bild den realen Studiolook und machte die Szenerie sehr träumerisch.

Dank der sogenannten DMX Steuerung, war im Studio jede Lampe einzeln dimmbar. Das hauseigene Reglerpult liess ich jedoch im Schrank und hatte meine eigene Computersteuerung dabei. Der grosse Vorteil war so, dass ich verschiedene Szenen abspeichern und auf Knopfdruck abrufen konnte. Einige szenische Übergänge mussten so nicht geschnitten werden, sondern konnten in der Kamera bereits auf Cue erfolgen. 

Zwischen den jeweiligen Lichteinstellungen konnte ich noch meine zweite Aufgabe als Kameraassistenz verfolgen. Da ein Grossteil der technischen Ausstattung von mir kann bzw. ich organisierte, lag es auch an mir diese korrekt einzustellen und allfällige Probleme mit der Videofunkstrecke für den Regiemonitor, dem Fokuspuller zur manuellen Schärfebestimmung sowie dem restlichen Kameramaterial jeweils schnellstmöglich zu lösen, damit sich Tamara in der Regie und Jana an der Kamera völlig auf die visuellen und kreativen Aspekte fokussieren konnten. 

Völlig unvorhergesehen bekam ich schliesslich auch noch einen weiteren Job. Meine sporadische Freudetänzchen auf Grund der gelungenen Shots kamen anscheinend besser an als erwartet. So kam plötzlich die Idee auf, ich solle doch die Rolle des Mannes hinter dem Duschvorhang tanzen. Ich kann mich zwar kaum wiedererkennen im Musikvideo, was auch so ganz gut ist, aber das ist vielleicht mein erster Karriereschritt in Richtung Background Tänzer von Beyoncé.


Oscar Kizan – Visuals
Nachdem Tamara mich angefragt hatte, ob ich ein paar Visuals für ihr Musikvideo machen könne, war ich zuerst ein wenig ratlos. Wie das mit Blender aber so ist, ist die beste Lösung die Software mit dem proverbialen Brecheisen so lange zu bearbeiten, bis man Resultate sieht.

Als erstes habe ich frei nach meinem Gusto etwa 10 rohe Animationen erstellt, in geringer Qualität gerendert und an Tamara geschickt. Sie hat sich dann für die besten drei entschieden und ich konnte mich an den Feinschliff machen.

Da die Animationen mit 50 FPS laufen mussten, dauerte das finale Rendering einer Animation schon mal 6 Stunden. 

Ein Learning ist sicher, ein geeignetes Format für finale Videodateien zu finden: Bei mp4 gibt es zu hohe Qualitätseinbussen und ProRes Dateien werden riesig (Alles zusammen ergab ca. 70 Gigabyte… whoopsie). 

Abschliessend ist es ein sehr nices Gefühl, das Endprodukt zu sehen und zu erkennen, dass man einen Teil beigesteuert hat.

 

Flavia Bernold – Kameraassistenz / Focus Puller
In der ursprünglichen Planung war ich als Runner eingeteilt – einfach weil ich unbedingt am Dreh eines Musikvideos dabei sein wollte. Als die Kameraassistenz ausfiel, sah ich darin meine Chance. Am Tag vor dem ersten Drehtag erfuhr ich dann erstmals, wie ich als Focus Puller meine Aufgabe umsetzen konnte: Dieses kleine Gerät mit rundem Knopf wurde für die nächsten zwei Tage mein Werkzeug.

Was anfangs sehr einfach aussah, stellte sich als relativ tricky heraus, da eine kleine Bewegung in die falsche Richtung einen ganzen Shot zerstören konnte (was auch ein zweimal passierte…). Ich lernte schnell, dass es mir am einfachsten fällt, wenn ich zum einen einen Monitor mit Fokuspeaking vor mir habe, und zum anderen auch die Kamerafrau in Interaktion mit der Sängerin live vor mir sehe. Auf diese Weise konnte ich die Distanzen besser einschätzen und liess mich zu einem grossen Teil von meinem Gefühl leiten. Ich freue mich sehr, dass Tamara mir das Vertrauen für diese Aufgabe entgegenbrachte, sodass ich das Musikvideo wortwörtlich in den richtigen Fokus setzen durfte. 🙂