Photo Booth Confessions – EP
Den Wunsch, eine EP zu veröffentlichen, hatten wir schon lange. „Wir“, das sind Jonny Breaux und ich. Wer meine anderen Digezz-Beiträge gesehen hat, wird den Namen bereits kennen. Jonny und ich machen seit Jahren gemeinsam Musik: Zusammen schreiben wir Songs, er singt, und ich sitze in der Regel an den Instrumenten und produziere.
Als Jonny Anfang des Jahres zu mir meinte, er wolle nun im Sommer endlich eine EP herausbringen – seine Debüt-EP –, war ich sofort locked in (hallo Zielgruppe an dieser Stelle). Zwei Songs hatten wir zu dem Zeitpunkt schon bereit: „Evergreen“ und „is there more?“. Beide waren zwar schon veröffentlicht, passten inhaltlich aber wunderbar ins Konzept.
Super, wir machen eine EP, aber now what?
Ein paar Song-Ideen hatten wir bereits rumliegen. Von kurzen Voice Notes bis hin zu angefangenen Demos: Erstmal Lagerbestand checken. Was haben wir bereits? Woran kann man weiterarbeiten? Was könnte inhaltlich gut passen?
Der erste Track, den wir uns vornahmen, war „Anna“. Was damals nur eine kurze Skizze war, wurde unser Einstieg ins offizielle Projekt. Von da an trafen wir uns regelmässig, um neue Songs anzufangen und bestehende auszuarbeiten.
Das Ergebnis: Innerhalb eines halben Jahres sind vier neue Songs entstanden. Die EP umfasst insgesamt sechs Tracks und wird am 17. Juli überall zu hören sein.
Hier ein Einblick in die Entstehung der EP, in der Reihenfolge der Tracklist:
Anna
Die erste Demo von „Anna“ entstand bei einer Writing Session am 1. August 2025. Dieser Tag ist mir aus zwei Gründen in Erinnerung geblieben:
Einerseits war natürlich Schweizer Nationalfeiertag. Andererseits fing es an diesem Tag plötzlich so stark an zu regnen, dass wir die Session kurzerhand abbrechen mussten, um das Studio mithilfe von Eimern vor einer Überschwemmung zu retten.
Der Song, in dem es um das Wiederentfachen einer Jugendliebe geht, sass danach lange unberührt auf meiner Festplatte. Der Grund dafür war simpel: Der Song war mies.
Doch er hatte auch etwas an sich. Er klang in der Demo zwar noch unbeholfen und ziellos, aber das Gitarrenriff zusammen mit der Melodie funktionierte … einigermassen.
So begann die Tüftelei. Als ich nach langem Ausprobieren einen Punkt erreicht hatte, wo es immer noch derselbe Schrott, aber mit saubereren Aufnahmen war, wusste ich: Alles muss weg.
Das Schlimmste war das Dum-Dum-Dum-Dum-Klavier. Also weg damit. An dessen Stelle platzierte ich einen fetten Bass, doppelt so schnell wie zuvor. Das half enorm. Der Song war nicht mehr so schwerfällig, sondern hatte jetzt einen Drive.
Danach fing die Arbeit erst so richtig an. Ein paar Highlights:
- Die neuen Drums liessen wir bei uns im Bandraum von Spitzenschlagzeuger Max Strebel einspielen. Es war ein riesiges Vergnügen, mit Max zu arbeiten und die Aufnahmesession als Recording Engineer zu steuern.
- Um den Song so gross wie möglich klingen zu lassen, arbeitete ich nach dem „Wall of Sound“-Prinzip. Allein die Hauptgitarre besteht aus sieben einzelnen Takes, die ich eingespielt, übereinandergelegt und akribisch bearbeitet habe (Timing, Comping usw.). Allein schon dafür sollte es vier ECTS geben – Schadensersatz.
- Dasselbe geschah auch bei Bass und Drums. Der Bass besteht aus drei Layers: Ein echter, von mir eingespielter Bass, eine Mk.gee-artige Gitarre für eine spannendere Textur und ein tiefer Sub-Bass-Synth. Die Drums habe ich mit passenden Samples unterlegt.
We Should Get Married
Dieser Song wurde bereits im April als Single veröffentlicht. Mit Hilfe und Talent von Jule Buchmann entstand dazu auch ein Musikvideo, welches hier zu sehen ist. Und hier geht‘s zum Digezz-Beitrag über die Entstehung.
Als Jonny mir zum ersten Mal die Demo vom Song zeigte, fiel mir kurz die Kinnlade runter. „Das hesch du gschriebe?“
„Ja, isch en Beat vo YouTube.“ 🙂
Consider me impressed. Beat direkt gekauft und in eine Logic-Session gezogen. An einigen Stellen mussten wir jedoch noch feilen.
Ein paar Lyrics bekommen von mir noch einen Schliff und auch das erworbene Instrumental passt mir noch nicht zu hundert Prozent. Wir lassen uns die Stems (die einzelnen Spuren des Songs) zusenden, ich nehme Elemente raus, bastle am Arrangement und nehme sämtliche Gitarren auf, die im Track zu hören sind.
Besonders gefallen mir die Vocals. Hinter Jonnys tollen Lead Vocals versteckt sich nämlich eine eigene kleine Welt aus Stimmen (Jonnys und meine), die gemeinsam ein schönes, volles Klanggeflecht bilden. Ich könnte mir das reine Acappella problemlos als eigenen Song anhören.
Evergreen
Für mich ist „Evergreen“ fast schon ein alter Knochen. Der Song erschien nämlich schon, bevor die Idee einer EP überhaupt im Raum stand. Doch alt ist nicht zwingend schlecht. Rückblickend war der Song ausschlaggebend für das Konzept der EP. Auch auf der Bühne ist es einer der Songs, der nicht nur am besten ankommt, sondern auch wahnsinnig Spass macht zu spielen.
Den Song gibt‘s auf allen Plattformen zu hören.
is there more?
Mein Lieblingssong auf der EP. Er verbindet einen Haufen Dinge, die ich gerne mag: Lap-Steel-Gitarre, ehrliches Songwriting und Jonny mit langen, hohen Vocal-Parts quälen. Auch dieser Track ist bereits als Single zu hören. Wie der Song genau zustande kam, lässt sich hier im Digezz-Beitrag dazu lesen.
On My Own
Der emotionale Tiefpunkt – inhaltlich wie auch in der Umsetzung. „On My Own“ war Jonnys Idee. Der Song erzählt davon, wie sich die eigenen Schattenseiten auf eine Beziehung auswirken können. Was, wenn man sich nicht ändern kann? Wie bringt man Licht ins Dunkle?
Der Song war noch nicht ganz fertig geschrieben. Während Jonny also an der zweiten Hälfte textete (einen solchen Song kann man nur selbst schreiben), machte ich mich an die Aufnahme.
Jonnys ursprünglicher Wunsch war es gewesen, den Song so roh wie möglich zu halten. Kurz war sogar die Rede davon, einfach eine Voice Note mit dem Handy aufzunehmen. Damit war ich grösstenteils einverstanden, doch der Song brauchte für mich mehr. Achtung, cheesy: Der Song brauchte Hoffnung.
Okay, Hoffnung ist vielleicht etwas übertrieben, aber ein dreiminütiges Trauerfest muss jetzt auch nicht sein. Wenn die Grundlage eine akustische Gitarre mit Gesang ist, dann sollte es auch nicht schwerfallen, darauf aufzubauen. Or so I thought.
Dieses Lied bereitete mir Kopfzerbrechen. Es wurde mir auf dem Silbertablett geliefert, doch nichts, was ich einspielte, gefiel mir. Die Zeit verging, und so schob sich auch der Release des Projektes bereits hier etwas nach hinten.
„Was meinsch zu dem?“, frage ich Jonny. Ich spiele auf dem MIDI-Keyboard ein simples Drum-Pattern ein. Das soll ab der Hälfte des Songs einsteigen. „Findi geil.“ – ein Hoffnungsschimmer.
Plötzlich regte sich alles. Die Tür, die so lange geklemmt hatte, war jetzt weit offen und ich begann zu bauen. Hier noch Klavier, da noch Harmonien und zum Abschluss eine riesige String-Section. Der Song lebt.
„On My Own“ ist der letzte Song, der es über die Ziellinie schafft. Und ich konnte die Botschaft des Songs sogar am eigenen Leib erfahren. Also naja, wenn die Botschaft sein soll, dass man manchmal einfach ein bisschen länger festhalten muss, als einem lieb ist – dann auf jeden Fall.
Açaí Bowl
Last one. Höchste Zeit, um die Stimmung noch mal aufzudrehen.
Seit sieben Jahren covern Jonny und ich diesen Dominic-Fike-Song. Für uns ist es einer dieser Songs, die einem einfach nicht verleiden. Wir haben ihn schon oft gespielt, sehr oft.
Um das zu würdigen, wollten wir den Song so umsetzen, wie wir ihn bisher schon einige Male mit voller Bandbesetzung aufgeführt hatten.
Also trommelten wir die Band für die Aufnahme-Session zusammen. Wir nahmen ein paar Takes im Proberaum auf, doch es war schon spät am Abend, die Aufnahmen waren nicht besonders sauber (alle Mikrofone im selben Raum) und das schäbige Schlagzeug ist zum Proben zwar okay, bringt aber keineswegs einen professionellen Sound zustande. Session gelöscht.
Ich wusste nun aber, was ich wollte: Eine Mischung aus Studio-Sound mit der chaotischen Energie eines Live-Konzertes. Schritt eins: Schäbige Demo mit Click-Track aufnehmen. Schritt zwei: Schlagzeug darüber einspielen lassen (auch von Max Strebel). Schritt drei: Als Gruppe um ein Mikrofon stehen und so laut und schief wie möglich mitsingen.
Danach habe ich die restlichen Instrumente noch sauber aufgenommen und ein kurzes, Lo-Fi-mässiges Intro aus der allerersten Aufnahme-Session geschnitten (ich konnte sie gerade noch rechtzeitig aus dem Müll fischen).
It’s a wrap.
Mittwoch, 13. Mai 2026
Die Produktion der EP ist somit abgeschlossen. Der letzte Song kann zum Mixing und Mastering (ZeDe Studios und Studio6) abgegeben werden.
Und was nun?
Live-Shows
Meine Arbeit hört nicht im Studio auf. Als Jonnys Gitarrist und Bandmanager ist es meine Aufgabe, die Songs für die Bühne aufzubereiten. Nebst den finalen Masters bekamen wir auch die abgemischten Stems zurück, woraus ich die Playback-Tracks für die Live-Shows erstellen konnte. Ich nehme also die fertigen Songs und entferne alle Elemente, die wir live selbst spielen. Übrig bleiben danach Dinge wie Backing-Vocals, Harmonien, Synths oder zusätzliche Gitarren-Layers – halt all das, wofür uns auf der Bühne die Hände fehlen.
Für die Veröffentlichung der EP ist aktuell eine Release-Party mit Konzert in Planung.
Cover Art
Jede EP braucht ein gutes Cover-Foto. Zum Glück haben wir das Motto bereits bei den Singles etabliert: Jonny im Fotoautomat auf farbigem Hintergrund. Auch hier kümmere ich mich um die Umsetzung. Bildbearbeitung, Komposition und Farbe liegen in meiner Hand.
Letzte Worte
Die EP war ein spannendes, bewegendes, nervenaufreibendes, lehrreiches, schönes, menschenzusammenbringendes Projekt, für das ich sehr dankbar bin, es erlebt haben zu dürfen. Gewappnet mit allen Learnings und Erfahrungen geht es nun ans nächste Projekt. Wir sehen uns wieder, okay? Nächstes Semester dann! x
(mbi)
Es ist immer ein ernüchterndes Gefühl, eine Unmenge an Arbeit in einer möglichst erträglichen Dosis Text zusammenfassen zu müssen. Am liebsten würde ich jedes einzelne Detail, jeden Freudenmoment, jeden Frust, jede Interaktion und jeden Aha-Moment in voller Länge auswalzen. Was am Ende wie ein nettes, kleines Projekt wirkt, ist das Ergebnis von unzähligen Stunden im Studio – meistens allein –, die ich zum Grossteil mit absurder Detailarbeit verbracht habe. Don’t get me wrong, ich mache nichts auf der Welt lieber. Wenn ich aus diesem Gefühl einen positiven Take-away ziehen müsste, dann den: Hinter jedem noch so kleinen Werk steckt meistens zehn- wenn nicht hundertmal so viel Aufwand, wie man denkt. Ich habe dadurch auf jeden Fall gelernt, die Projekte anderer um so mehr wertzuschätzen.
Kommen wir nun aber zur Sache:
Was lief gut?
Ein paar der neuen Songs hatte ich bis vor Kurzem länger nicht mehr gehört. Als ich sie dann wieder mit frischen Ohren hören konnte, war ich ziemlich stolz. Ich muss sagen: schono bizli geil. Abgesehen davon, dass mir die Songs einfach gefallen (man will es ja hoffen), war auch der Entstehungsprozess eine absolute Freude. Die Zusammenarbeit mit Jonny wurde gegen Ende hin immer effizienter. Und auch wenn ich sehr viel Zeit mit teils mühseliger Handarbeit verbracht habe, ist es für mich immer ein Zeichen, dass mir etwas am Herzen liegt, wenn ich bereit bin es «richtig» zu machen, statt möglichst schnell. Enjoy the process (Gitarrentracks von Hand chirurgisch zuschneiden), auch wenn der process (manuelle Pitch-Correction von wirklich jedem einzelnen Vocal-Track) manchmal absolut zum Sterben ist.
Was lief weniger gut?
Um es mit einem Wort zu sagen: Planung.
Um es mit vielen Wörtern zu sagen: Der Einstieg ins Projekt war nicht sonderlich zeremoniell oder durchdacht, sondern vielmehr ein: „Wir haben ja schon dies, komm, wir machen doch das draus.“ Das wilde Drauflosarbeiten ist zwar befreiend, lässt einen aber auch oft in Unsicherheit und Ziellosigkeit herumrudern. Diese Planlosigkeit hat uns teilweise eine Menge Zeit gekostet. Hätten wir uns von Beginn an besser strukturiert, hätte ich jetzt vielleicht schon den Link zur fertigen EP hier im Beitrag einfügen können – Hätte-Hätte-Fahrradkette. Wir hatten zwar einen groben Zeitplan (der Release war eigentlich auf Mitte Juni angesetzt), doch durch Dinge wie kurzfristige Konzertzusagen wurde der Fokus mehrmals von der EP weggelenkt. Das mache ich auf jeden Fall kein zweites Mal so.
Was ich mitnehme…
Nebst der ganzen Planungsgeschichte habe ich gelernt, was sonst noch alles dazu gehört, um so ein Projekt richtig umzusetzen. Weitsicht ist enorm wichtig. Gerade jetzt, während ich diesen Beitrag verfasse, merke ich, wie wenig Bild- und Videomaterial im Prozess entstanden ist. Ich habe kaum Material, das ich hier irgendwie einfügen könnte, was schade ist. Wenn man so extrem auf die Arbeit vor einem fokussiert ist, denkt man häufig nicht weit genug voraus. Auch wenn es so einfach gewesen wäre, kurz das Handy hinzustellen und ein paar Videos zu machen.
Dasselbe beim Mix und Mastering: Statt die Songs etwas zu bündeln und in einem Rutsch – als Einheit – finalisieren zu lassen, haben wir jeden Track einzeln und separat in Auftrag gegeben. Hätten wir uns etwas geduldet, wäre die EP klanglich bestimmt noch mal eine Spur einheitlicher dahergekommen. Nun weiss ich: Solche Sachen klärt man ganz zu Beginn, so fängt man 90 % aller Fehler ab. Simple as that.
Dieses Projekt hat mir gezeigt, was möglich ist, wenn man bereit ist, die nötige Arbeit reinzustecken. Ich gehe somit hochmotiviert ans nächste Projekt. Diesmal mit konkreterer Vision, besserer Planung und noch mehr Ehrgeiz.