Lovely Neighbours – Ein Kurzfilm in 48 Stunden
In 48 Stunden einen Kurzfilm von der Idee bis zur fertigen Postproduktion? Ja, das geht. (Kaffee hilft)
Im Frühling 25 hörte ich das erste Mal von der 48-Stunden Film Challenge. Bei dieser startet meistens am Freitagabend an einem Versammlungsort die Auslosung: Alle, die mitmachen, versammeln sich und bekommen ein random Filmgenre aus einer Liste zugeteilt, zusammen mit einer Requisite und einer Dialogzeile. Danach geht der Startschuss los. Ab diesem Punkt rennen die meisten zu ihrem Auto, um mit ihrer Crew innerhalb von 48 Stunden einen Film fertigzustellen. Innerhalb dieser Zeit muss der Film auf einer Festplatte wieder beim Anfangstreffpunkt abgegeben werden.
Die offizielle Challenge findet weltweit in verschiedenen Städten statt. Auch in der Schweiz. Nur nicht in Bern.
Es ist Sommer, Semesterferien, und diese Challenge lässt mich nicht los. Sie klingt wie eine Grenzerfahrung, bei der man in sehr kurzer Zeit extrem viel lernt. Vor allem, weil man keine Zeit hat, Fehler zu überdenken. Man muss Entscheidungen treffen und damit leben.



Die Idee, einen eigenen Testlauf der 48-Stunden Film Challenge zu machen, pitche ich Aaron, einem guten Freund, der sehr gut mit der Kamera umgehen kann. Zwei Tage später sitzen wir draussen bei Eistee, zeichnen Mindmaps auf Papier und sammeln alte Skriptideen. Wir schreiben auf, welches Equipment schon vorhanden ist, was noch fehlt, wen wir für die Crew anfragen könnten. Nach zwei Stunden stehen ein Datum, ein grober Plan und eine To-do-Liste.
Da ich kaum Erfahrung im Filmemachen habe, beginne ich, mir frühere Challenges anzuschauen und Tipps aus Videos zu übernehmen. So entstehen bereits vor Beginn der 48 Stunden Listen mit potenziellen Locations, Material und Equipment. Auch das Thema Essen taucht immer wieder auf. Eine hangry Crew will niemand, vor allem nicht bei einem Arbeitsmarathon.
Da ich für den Ton zuständig bin, versuche ich mich zusätzlich mit Online-Tutorials vorzubereiten.
Stunde eins
Dann ist es so weit. Sonntagabend, 19:00 Uhr. Aaron und ich sitzen vor dem Computer und bekommen das Genre zugelost: Horror.
Wir beginnen zu schreiben. Glücklicherweise haben wir bereits einige Ideen gesammelt und überlegen, was sich für das Genre adaptieren lässt. Um 2:00 Uhr morgens steht das Skript, inklusive Shotlist.
Am nächsten Morgen kommt die Crew zusammen: Leon für das Licht, Anina, Laura und Moritz als Schauspiel, Aaron hinter der Kamera und ich für den Ton.
Beim ersten Drehort beginnt es konstant zu regnen, weshalb die Outdoor-Shots verschoben werden müssen. Gleichzeitig dürfen wir nicht zu viel Tageslicht verlieren. Am Nachmittag haben wir Glück, der Himmel klart auf. Insgesamt drehen wir fast zwölf Stunden an drei verschiedenen Locations, die räumlich sehr nahe beieinander liegen.



Nach Drehschluss beginnt direkt die Postproduktion. Aaron sichtet, sortiert und schneidet das Material, während ich ein detailliertes Audioprotokoll erstelle. Der Ton wurde mit Shotgun-Mic, Lavalier und teilweise mit einem kleinen Fieldrecorder aufgenommen.
Besonders anspruchsvoll ist das Schneiden und Kreieren der One-Take-Szene, bei der die Geschichte auf ihren Höhepunkt zuläuft.
Für diese Szene bastle ich mehrere Stunden an einer Audiocollage aus unterschiedlichsten Geräuschen, um trotz limitierter Zeit den gewünschten Effekt zu erreichen. Beispielsweise ein hochgepitches elektrisches Surren, ein Dampfabzug, ein Wasserkocher, eine Geigenbogen, ein Mann, der schreit. (Ich besitze jetzt ein Ordner mit Schreien auf meinem Computer, was wohl das Genre Horror halt so mit sich bringt.)

Beispiel aus dem Sound-Editing: Vorher / Nachher. Ein Song, welcher so bearbeitet wurde, dass er klingt, als würde er aus einem Radio in der Küche kommen.
Als nur noch wenige Stunden bis Dienstag, 19:00 Uhr bleiben, steht eine erste Version. Die letzten Anpassungen betreffen Schriftzug, Musikauswahl und Schnitttempo. Das Color Grading bleibt sehr minimal, da uns die Lichtstimmung vom Set bereits überzeugt hat.
Nach genau 48 Stunden ist er fertig: unser Kurzfilm Lovely Neighbours.
Zum Projekt gehört auch ein Filmplakat. Im Winter entstehen drei Versionen, alle aus eigens erstelltem Material, gestaltet in Photoshop und begleitet von Feedback aus dem Team.
Add-on Laura
Ich wurde von Stella gefragt, ob ich Lust und Zeit hätte, bei diesem Projekt mitzuwirken. Da ich relativ wenig Erfahrung im Bereich Film habe, Lust hatte mir etwas Neues anzueignen und die Idee sehr spannend fand, habe ich zugesagt. Ich habe hauptsächlich vor der Kamera mitgewirkt als «The Lovely Neighbor”. Vor der Kamera zu stehen hat mir sehr viel Spass gemacht, hat aber auch bedeutet, dass ich viel warten musste. Diese Zeit habe ich aber genutzt, um mich so gut es geht in den Film einzubringen und den Leuten, die die Technik bedient haben, aufmerksam zu beobachten. Zudem habe ich eine der Locations organisiert sowie Anina dazu überredet, mitzukommen.
(vha)
Die Arbeit an dieser Challenge war eine Grenzerfahrung im positiven Sinne. Die Stimmung am Set, in der Postproduktion und die Kommunikation über den gesamten Prozess hinweg haben sehr gut funktioniert. Eine grosse Befürchtung war, dass die Stimmung irgendwann kippt. Das ist nicht passiert. Alle waren extrem motiviert, haben ihr Wissen eingebracht und dieses gerne geteilt.
Die gesamte Preproduktion und der Entscheid, diese Challenge selbst zu adaptieren, entstanden innerhalb von zehn Tagen. Nach zwei Tagen intensiver Arbeit stand ein Ergebnis, auf das ich sehr stolz bin. Genau das habe ich mir von diesem Projekt erhofft: einen Lernprozess, der erlaubt, Fehler zu machen, aber gleichzeitig einen kreativen Prozess in sehr kurzer Zeit auslöst. Keine monatelangen Projekte, sondern ein konzentrierter Ausnahmezustand.
Natürlich gab es auch Schwierigkeiten. Die Umsetzung der Story musste vereinfacht werden, da ein Teil in der verfügbaren Zeit und mit dem Energielevel der Crew nicht realisierbar war. Daraus entstand die One-Take-Szene, wodurch die Geschichte für Aussenstehende vielleicht nicht immer eindeutig lesbar ist. Genau dort möchten Aaron und ich künftig weiter ansetzen.
Auch das Schreiben von Dialogen erwies sich als schwierig und wurde teilweise durch Improvisation von Anina, Moritz und Laura gelöst. Beim Dreh kam es zudem zu langen Wartezeiten, da nicht alle Schauspieler in allen Szenen gebraucht wurden. Mit einer präziseren Shotlist hätte dies vermutlich besser gelöst werden können.
Add-on Laura
Das Projekt war für mich sehr lehrreich und hat mir viel Spass gemacht. Herausfordernd war herauszufinden, wie stark ich aus meiner Rolle als Schauspieler*in in die Produktion eingreifen darf. Rückblickend fühlt sich der gefundene Mittelweg gut an. Etwas spät wurde mir bewusst, dass die Katze am ersten Drehort das Sturmklingeln nicht besonders mochte. Sie flüchtete sich unters Bett, kam aber bald wieder hervor, als der Dreh vorbei war. Insgesamt finde ich, dass tolle Arbeit geleistet wurde und das Endergebnis sehr gelungen ist, besonders in Anbetracht der kurzen Zeit.
Add-on Aaron
Der Prozess hat Spass gemacht und bot viel Raum zum Ausprobieren. Trotz Stress war es eine sehr spannende Erfahrung.
Für zukünftige Projekte wäre eine Person wichtig, die das Zeitmanagement im Blick behält, besonders ohne Budget. So lässt sich vermeiden, dass man sich in einzelnen Einstellungen verliert.
In der Postproduktion hat die klare Aufgabenteilung sehr geholfen. Beim Schreiben der Geschichte wäre es sinnvoll, noch simpler zu bleiben, um flexibler zu sein und Wartezeiten für Schauspieler zu reduzieren.