Welcome To Paradise
Unter der Führung von Viktor Orbán wird Ungarn zunehmend autoritärer: Menschenrechte werden eingeschränkt, ausgrenzende Gesetze erlassen. Das scheinbare Gegenteil davon erlebt man am zweitgrössten Psytrance-Festival Europas, dem «Ozora». Love, Unity und Togetherness gelten dort als zentrale Werte der Szene. Steht das nicht im Widerspruch zur aktuellen Politik in Ungarn?
Dieses Paradoxon haben Aaron und Simon nicht mehr losgelassen. Wie kann ein derart weltoffener und liberaler Ort im heutigen Ungarn existieren?
Im Herbst 2024 treffen sich die beiden Multimedia-Production-Studierenden in Budapest. Simon verbringt dort sein Erasmus-Semester, Aaron reist aus Wien an. Bei einem Bier sprechen sie über ihre Erfahrungen in den beiden Städten und darüber, wie sich Politik im Alltag bemerkbar macht. Gespräche über Fidesz seien allgegenwärtig – mal beiläufig, mal angespannt, erzählt Simon. Gleichzeitig erlebe er eine Stadt, die nachts lebendig sei: laut, frei, voller Musik und Menschen, die sich ihren Raum nehmen. Plötzlich steht diese Frage im Raum: Wie passt das zusammen? Ein Psytrance-Festival, das für Akzeptanz, Gleichberechtigung und Freiheit steht – mitten in einem Land, in dem genau diese Werte zunehmend unter Druck geraten. Aus dieser Momentaufnahme entsteht die Idee für dieses Projekt.
Im Frühjahr 2025 verschärft sich die Lage weiter: Die ungarische Regierung verabschiedet ein Pride-Verbot, die Verfassung erkennt nur noch Frau und Mann als Geschlechter an. Der erste Teil unserer Reise beginnt deshalb bereits Anfang Sommer in Budapest. Wir besuchen die Pride, filmen, hören zu und sprechen mit Menschen auf der Strasse. Wie bedrohlich ist die Situation für die queere Community in Ungarn?
Im August folgt die Reise an das «Ozora»-Festival. Zunächst treffen wir uns in Budapest mit Menschen aus der LGBTQ+ Community und sprechen über die trotz Verbot durchgeführte Pride, über den Alltag queerer Menschen und mögliche Repressalien durch die Regierung. Danach geht es weiter nach Simontornya, ein kleines Dorf unweit des Festivalgeländes. Dort befragen wir Bewohner:innen, wie sie das riesige «Ozora»-Festival wahrnehmen und welche Themen sie damit verbinden. Sehen sie es als Chance – oder als etwas, das man seit Jahren nicht ganz versteht?
Nach einer einwöchigen Reise erreichen wir schliesslich das «Ozora». Ein Ort, der sich anfühlt wie eine eigene Welt – und genau das ist von den Organisator:innen beabsichtigt. Vor unserer Kamera stehen Mitglieder des Organisationsteams ebenso wie Besucher:innen. Wir sammeln Stimmen, Eindrücke, suchen nach Widersprüchen. Doch zwischen Interviews und Kameramomenten passiert noch etwas anderes: Man spürt, warum Menschen hierherkommen. Für ein paar Tage fühlt es sich an, als wäre Freiheit nicht nur ein Wort.
Welche Stimmen wir auf unserer Reise gesammelt haben und wie ein Festival wie Ozora im heutigen Ungarn weiter bestehen kann, zeigt unsere 13-minütige Reportage «Welcome to Paradise».
Der Titel ist mit einem gewissen Schalk zu verstehen, denn er bringt den Widerspruch zwischen Festival und politischem Umfeld auf den Punkt: Der Schriftzug «Welcome to Paradise» prangt über dem Eingangstor des Festivals – und steht damit im starken Kontrast zum politischen Klima im Land.
(vha)
Der grösste Kritikpunkt sind klar die technischen Aspekte. Teilweise ist die Audioqualität zu schwach, einzelne Shots sind überbelichtet. Uns war wichtig, mit möglichst wenig Equipment zu reisen und mobil zu bleiben. Aber genau dabei sind uns Basics durchgerutscht: Ein einfaches Reporter-Mikro oder ein ND-Filter wären ohne Aufwand transportierbar gewesen, wurden aber vergessen. Dazu kam der Zeitdruck vor Ort. In manchen Situationen haben wir aus Stress nur mit dem Shotgun-Mikro aufgenommen statt mit Lavaliers. Und weil zwischen den Drehs Akkus nicht konsequent geladen wurden, mussten wir zeitweise sogar auf das Zoom-Mikro ausweichen.
Ein zweites Problem liegt in der inhaltlichen Herangehensweise. Während des Festivals hätten wir die Veranstalter stärker und direkter mit der politischen Lage konfrontieren sollen. Aus Sorge, dass wir am Ende das Material nicht verwenden dürfen oder uns Steine in den Weg gelegt werden, haben wir das aber nicht gemacht. Genau deshalb fehlt im Festival-Teil stellenweise Tiefe, die der Reportage gutgetan hätte.
Der dritte Kritikpunkt betrifft die Postproduktion. Relativ früh war klar, dass es Offtext braucht, um die verschiedenen Themen zusammenzuführen und das Publikum durch die Geschichte zu leiten. Wir haben diesen Offtext aber erst nach drei Schnittversionen aufgenommen. Das hat den Schnitt unnötig verkompliziert und zwischendurch wirkte es kurz so, als würde das Projekt auseinanderfallen. Am Ende konnten wir es mit dem Offtext und zusätzlichem Archivmaterial stabilisieren. Und trotz allem sind wir, gemessen an den Umständen, sehr zufrieden mit dem Ergebnis.