Sich so ausgezehrt fühlen, dass man den Tag nicht mehr bewältigen kann: Was ist Fatigue?
Ein Gespräch mit der Leiterin der Universitären Neuropsychologie am Inselspital Bern. Was bedeutet Long Covid aus neuropsychologischer Sicht? Im Rahmen meiner Mitarbeit am Doku Podcast SO LONG COVID durfte ich Frau Dr. Iris Katharina Penner interviewen. Sie leitet die Universitäre Neuropsychologie am Inselspital Bern, führt die Fatigue-Sprechstunde und arbeitet regelmässig mit Long Covid Betroffenen.
Fatigue ist eines der häufigsten Symptome bei Long Covid und tritt in ähnlicher Form auch beim Chronic Fatigue Syndrome und bei Myalgischer Enzephalomyelopathie (-itis), kurz ME/CFS, auf. Doch auch bei Multipler Sklerose, bei Krebspatient*innen oder bei rheumatologischen Erkrankungen ist Fatigue bekannt. Das Inselspital Bern hat für Betroffene dieses spezifischen Symptoms eine eigene Sprechstunde geschaffen.
Im Interview erzählt Dr. Penner davon, wann sie erstmals von Long Covid beziehungsweise dem Post Covid Syndrom gehört hat, was Fatigue eigentlich ist, wie ein Diagnosepfad bei Long Covid aussehen kann und wo die Fatigue-Sprechstunde darin eingeordnet ist.
Themen des Gesprächs sind unter anderem:
- warum Fatigue keine normale Müdigkeit ist
- typische kognitive Symptome wie Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Planungsprobleme
- wie ein möglicher Diagnosepfad aussehen kann
- was Fatigue-Sprechstunden leisten können und wo ihre Grenzen liegen
- welche Rolle Pacing, Energiemanagement und Akzeptanz spielen
- weshalb lange Wartezeiten und fehlende Ressourcen Betroffene zusätzlich belasten
Gesellschaftliche und historische Dimensionen:
- warum Long-Covid-Symptome oft nicht ernst genommen werden
- strukturelle Probleme im Gesundheitssystem
- Parallelen zu früheren Krankheitsbildern wie MS oder Schleudertrauma
- Geschlechterbias und die Angst vor psychosomatischer Stigmatisierung
Abschliessend geht es um Mind Body Ansätze, Neuroplastizität und die Frage, welches Potenzial neue Erklärungsansätze für Long Covid haben.
Dieses Interview habe ich im Rahmen meiner Mitarbeit für den Podcast SO LONG COVID geführt. Der Podcast wird im März 2026 veröffentlicht.
Worum geht es im Podcast?
SO LONG COVID erzählt die Geschichten von Menschen, die an Long Covid erkrankt und wieder genesen sind. Was können wir von ihnen lernen? Ist die Situation von Betroffenen tatsächlich so aussichtslos, wie sie scheint? Wir machen uns auf Spurensuche und finden hoffnungsvolle Erkenntnisse aus modernen Schmerztherapie und Neurobiologie: Wir können Schmerzen und Symptome verlernen. Dieses Wissen ist jedoch wenig verbreitet und stösst auf Ablehnung. Warum eigentlich? Und was hat das alles mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung von psychischen Krankheiten zu tun? Plötzlich geht Long Covid uns alle etwas an. Wo entsteht Schmerz? Wie überwinden wir Angst? Was gibt uns Zuversicht? Diese neue Krankheit offenbart Missstände im Gesundheitssystem, lässt die Medizin und unsere Gesellschaft an Grenzen stossen und fordert unser Verständnis von (chronischen) Krankheiten heraus.
Hör dir den Trailer unten an.
(vha)
In diesem Semester durfte ich ein weiteres Interview führen, das für den Podcast «So long, Covid!» wichtig war. Mit Zita besprach ich, wie schon im letzten Semester, in welchem Rahmen meine Mitarbeit für den Podcast aussehen könnte. Da Zita mittlerweile in Kopenhagen lebt, ein Interview mit dem Inselspital Bern jedoch noch fehlte, konnte ich diese Aufgabe übernehmen.
Dieses Interview erforderte viel Vorbereitung. Einerseits sind die zeitlichen Ressourcen der Expert*innen auf diesem Gebiet derzeit stark ausgelastet, wie auch im Beitrag hörbar wird. Andererseits handelt es sich um ein medizinisches Thema, bei dem viele Fachbegriffe verwendet werden. Es war mir wichtig, mich vorgängig mit dem Leitfaden für Hausärzt*innen zur Diagnostik von Long Covid auseinanderzusetzen und zu verstehen, welche Rolle Fatigue in den Leitfäden spielt, um meine Interviewpartnerin korrekt einordnen und verstehen zu können.
In der Korrespondenz mit dem Inselspital und dessen Mediensprecher wurde rasch klar, dass grundsätzlich Offenheit für das Interview bestand, jedoch verlangte das Spital, dass die Interviewfragen im Voraus eingereicht wurden. Das war für mich neu. Am Interviewtermin selbst war neben Frau Dr. Penner auch der Mediensprecher anwesend, was mich ehrlich gesagt sehr nervös machte und eine hemmende Wirkung auf mich hatte. Diese Unsicherheit ist im Nachhinein auch in meiner Stimme hörbar.
Das Thema und die angesprochenen Punkte im Gespräch sind teilweise heikel. Ich konfrontiere Frau Dr. Penner auch mit Zitaten von bereits interviewten Betroffenen. Mir war es sehr wichtig, ihre Antworten und Reaktionen fair und korrekt abzubilden. Deshalb entschied ich mich, das Gespräch nur leicht zu kürzen. Ursprünglich dauerte es fast eine Stunde, geplant waren dreissig Minuten. Das Gespräch war jedoch extrem spannend, und spontane Zwischenfragen liessen sich kaum vermeiden.
Das Interview wird nun von Zita weiterverarbeitet und im Doku Podcast verwendet.
Fazit
Ich empfand das Führen dieses Interviews teilweise als sehr stressig, konnte jedoch viel daraus mitnehmen. Mit meiner eigenen Haltung im Gespräch bin ich nicht ganz zufrieden und hätte mir mehr Präsenz gewünscht. Es fallen viele Fachbegriffe, die nicht für alle verständlich sind. Hier wäre ein stärkeres Nachfragen oder Unterbrechen sinnvoll gewesen.
Ein langes Interview als zusammenhängendes Gespräch stehen zu lassen, statt es in einzelne O Töne aufzuteilen, war für mich eine neue und spannende Erfahrung, die ich insgesamt positiv erlebt habe. Alles in allem bin ich sehr froh und dankbar, ein weiteres Puzzlestück zum Podcast SO LONG COVID beigetragen zu haben, viel Neues gelernt zu haben und durch diese Arbeit überhaupt die Möglichkeit zu erhalten, Expert*innen mit Fragen zu löchern.