Mut zur Reduktion
Minimalismus als Wohnform in der Schweiz
In einer Welt, die zunehmend überladen wirkt – visuell, materiell und gedanklich –, wächst die Sehnsucht nach Reduktion und Klarheit. Nach der einfachen, aber grundlegenden Frage: Was brauche ich eigentlich wirklich, um gut zu leben?
Diese Frage stellt sich heute nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern immer stärker auch gesellschaftlich. Wohnraum in der Schweiz wird knapper, teurer und umkämpfter. Daraus entsteht ein Spannungsfeld, in dem neue Wohnformen an Bedeutung gewinnen. Eine davon ist das minimalistische Wohnen.
Die Sehnsucht nach Einfachheit
«Je komplexer unsere Welt wird, desto grösser die Sehnsucht nach Einfachheit.»
Dieser Satz beschreibt nicht nur ein Lebensgefühl, sondern auch eine architektonische Haltung. Architekt Rainer Borcherding hat daraus ein ganzes Werk entwickelt. In seinem Büro minimal.living entwirft er Tiny Houses, die bewusst auf das Wesentliche reduziert sind, ohne dabei auf Komfort, Qualität oder Atmosphäre zu verzichten.
Seine Entwürfe – darunter mini-one, Typ I-Form, Typ L-Form und Typ U-Form – folgen alle derselben Grundidee: so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig. Diese Haltung ist bei Borcherding keine ästhetische Spielerei, sondern eine konsequent gelebte Lebens- und Denkweise. Sie zeigt sich in der Architektur ebenso wie in der Konstruktion, der Materialwahl und der Raumorganisation.




Architektur als Haltung
Borcherding verbindet in seiner Arbeit unterschiedliche kulturelle und historische Einflüsse. Dazu gehören der Zen-Gedanke mit seinem Verständnis von Leere als Raum für Konzentration, die Shaker-Bewegung mit ihrer Verbindung von Handwerk, Funktionalität und Bescheidenheit sowie das Case-Study-House-Programm der Nachkriegszeit, das mit experimentellen und kostengünstigen Wohnlösungen auf gesellschaftliche Veränderungen reagierte.
Diese Einflüsse übersetzt Borcherding in einen zeitgemässen schweizerischen Kontext. Seine Häuser wirken ruhig, klar und präzise. Licht, Proportionen und Materialien übernehmen die Rolle von Dekoration. Auch der Aussen- und Halb-Aussenraum ist integraler Bestandteil des Wohnens. Er wird als Erweiterung des Alltags verstanden – als Ort der Begegnung ebenso wie des Rückzugs.
Damit knüpft Borcherding an eine der prägendsten Aussagen der Architekturgeschichte an. «Less is more», formuliert von Mies van der Rohe. Bei ihm ist dieses Prinzip jedoch kein Dogma, sondern eine Frage der Balance zwischen Reduktion und Menschlichkeit.
Ein Haus, das befreit
Wie sich diese Architektur im Alltag anfühlt, zeigt das Leben von Barbara Fatzer, Besitzerin eines solchen Minihauses, entworfen von Rainer Borcherding. Die Pensionierte hat sich bewusst entschieden, ihr grosses Haus hinter sich zu lassen und in ein Tiny House zu ziehen. Für sie war dieser Schritt kein Verlust, sondern eine Befreiung.
Gerade für ältere Menschen eröffnen solche Wohnformen neue Perspektiven. Alles ist übersichtlich, barrierearm und auf einer Ebene organisiert. Fatzer spricht offen darüber, dass ältere Menschen in unserer Gesellschaft oft an den Rand gedrängt werden. Ihr Zuhause steht für das Gegenteil: für Würde, Einfachheit und die Möglichkeit, das eigene Leben bewusst und selbstbestimmt zu gestalten.
Wohnungsnot als strukturelle Herausforderung
Die Entscheidung für ein kleines Haus ist jedoch immer auch Teil eines grösseren Zusammenhangs. Die Wohnsituation in der Schweiz ist strukturell angespannt. Raumplanungsexperte David Kaufmann, Assistenzprofessor am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich, ordnet ein:
Seit der Revision des Raumplanungsgesetzes im Jahr 2014 setzt die Schweiz auf Innenentwicklung und Verdichtung, um die Flächeninanspruchnahme zu begrenzen. Mehr Wohnraum soll innerhalb bestehender Siedlungsgebiete entstehen. In der Praxis geschieht dies jedoch häufig durch Ersatzneubauten mit problematischen Folgen. Der Abbruch bestehender Gebäude verursacht hohe graue Emissionen und zerstört oft günstigen Wohnraum. Besonders betroffen sind Menschen, die ohnehin bereits benachteiligt sind – darunter Geringverdiener:innen, ältere Personen oder Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus.
Sanfte Verdichtung statt Abriss
Kaufmann plädiert deshalb für einen anderen Ansatz: «Statt abzureissen, sollten bestehende Gebäude weiterentwickelt werden, etwa durch Aufstockungen, Umnutzungen oder Erweiterungen. Gerade Einfamilienhäuser bieten hier grosses Potenzial, da sie eine vergleichsweise niedrige Nutzungsdichte aufweisen.» Auch das Tiny House von Barbara Fatzer ist ein Beispiel dafür, wie bestehender Raum neu gedacht und sinnvoll genutzt werden kann.
Gleichzeitig weist Kaufmann darauf hin, dass die durchschnittliche Wohnfläche pro Person, insbesondere im globalen Norden, stetig gewachsen ist. «Eine bewusste Reduktion dieser Flächen wäre ein zentraler Hebel, um Ressourcen zu sparen, ohne die Wohnqualität zu gefährden. Minimalismus und kleineres Wohnen sind in diesem Sinn weniger ein kurzfristiger Trend als eine notwendige langfristige Entwicklung – vorausgesetzt, sie werden sozial, politisch und planerisch verantwortungsvoll begleitet.»
Zwischen Balance und Menschlichkeit
Entscheidend ist dabei nicht allein die Grösse der Wohnfläche, sondern die Qualität des Wohnens. Akzeptanz für Verdichtung entsteht dort, wo Projekte sozial eingebettet sind, wo Gemeinschaftsräume, bezahlbarer Wohnraum und partizipative Prozesse mitgedacht werden.
Minimalistische Architektur kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Nicht als Architektur des Verzichts, sondern als Einladung zu einem bewussteren Umgang mit Raum, Dingen und Beziehungen.
Die begleitende filmische Kurzdokumentation gibt Einblick in Rainer Borcherdings architektonische Vision und in Barbara Fatzers Leben im Minihaus.
(vha)
Vorproduktion
Chantale und ich interessieren uns beide für Architektur und haben daher gemeinsam eine Recherche zu Schweizer Architekt:innen durchgeführt. Dabei haben wir viele mögliche filmische Zugänge entdeckt, zum Beispiel Berghütten für Wanderer oder Architektur mit starkem Fokus auf Nachhaltigkeit. Der Begriff Minimal Konzepte tauchte dabei immer wieder auf und wurde zu einem zentralen Thema unserer Arbeit. Gleichzeitig haben wir unser Verständnis von reduziertem Wohnen korrigiert: reduziert bedeutet nicht klein, sondern eine bewusste Reduktion in Bezug auf Energie, Materialien und Lebensweise.
Im Rahmen unserer Recherche führten wir ein Interview mit Rainer Borcherding. Dank seiner Unterstützung kam zudem der Kontakt zur Hausbesitzerin Barbara Fatzer zustande, die in einem von ihm entworfenen Minihaus lebt. Dass wir ihr Zuhause besuchen und dort drehen durften, war für uns ein besonderes Privileg und ermöglichte einen authentischen Einblick in ihren gelebten Alltag.
Produktion
Ursprünglich war geplant, Architekt und Bewohnerin am Ende des Films in einem gemeinsamen Gespräch zusammenzuführen. Spontan entschieden wir uns jedoch, auf diesen Teil zu verzichten. Stattdessen legten wir den Fokus bewusster auf die Definition und das Verständnis von Minimalismus als Haltung und Lebensform. Diese Entscheidung stellte uns im Rohschnitt vor strukturelle Herausforderungen und führte dazu, dass wir viele architektonische Detaildiskussionen kürzten und den Fokus stärker auf die Definition von Minius legten.
Postproduktion
Im Schnitt ergänzten wir kontinuierlich neues B-Roll-Material, wodurch sich der Film zunehmend von einer klassischen Architektur-Dokumentation löste und stärker die Essenz von Architektur und Leben in den Mittelpunkt stellte. Insgesamt war das Projekt eine wertvolle Lernerfahrung – sowohl im Umgang mit Interviewsituationen als auch in Bezug auf inhaltliche Reduktion und filmische Struktur.