Frauenfussball – Die unsichtbaren Momente

Frauenfussball erzählt mehr, als die Kamera gewöhnlich zeigt. Genau dort setzt dieses Projekt an: nicht beim Tor, nicht bei der Statistik – sondern bei dem, was dazwischen passiert und meistens unsichtbar bleibt. In den Medien wird Frauenfussball bis heute auf ein bestimmtes Bild reduziert. Emotionen werden anders bewertet, Körper anders gezeigt, Leistungen anders eingeordnet als im Männerfussball. Diese fotografische Arbeit stellt sich gegen diese Darstellung und sucht stattdessen nach dem, was wirklich da ist: ehrlich, nah, und ohne Heldinnenerzählung.

Frauenfussball ist kein Abbild des Männerfussballs. Er hat eine eigene Körperlichkeit, eine eigene Emotionalität, ein eigenes Publikum. Das wollte ich zeigen – und dafür brauchte es einen anderen Blick. Nicht weg vom Gesicht, sondern tiefer hinein. Nicht den Jubel, sondern die stille Erschöpfung dahinter. Nicht die Einzelne, sondern die Hände, die halten.

Das Fotografieren

Fotografiert wurde am Champions-League-Halbfinale in München – einem der grössten Bühnen des europäischen Frauenfussballs. Inmitten dieses Grossereignisses galt es, den Blick bewusst zu verschieben: weg vom Spektakulären, hin zum Leisen. Die Bilder zeigen Gesichter, Körper, Gesten – aber mit anderen Emotionen als gewöhnt. Sie folgen dem Verlauf des Spiels, nur auf einem anderen Weg.

Die Bildauswahl

Was kaum jemand sieht: Die Bildauswahl nahm mehr Zeit in Anspruch als das Fotografieren selbst. Jedes einzelne Bild wurde ausgedruckt und physisch nebeneinandergelegt – auf dem Boden, auf dem Tisch, an der Wand. Welches Bild bleibt? Welches geht? Welche zwei Bilder sprechen zusammen, welche schweigen aneinander vorbei? Diese Fragen begleiteten den Prozess über lange Zeit.

Die Diptychon-Struktur war dabei kein Stilmittel, sondern eine Haltung: Zwei Bilder nebeneinander, die sich kommentieren. Masse und Einsamkeit. Schärfe und Unschärfe. Bewegung und Innehalten. Der Kontrast macht sichtbar, was im Einzelbild verborgen bleibt. Genau diese Paarungen zu finden, war die eigentliche gestalterische Arbeit.

Bearbeitung

Auch die Bildbearbeitung beanspruchte viel Zeit. Jedes Bild wurde einzeln bearbeitet, um die gewünschte Stimmung zu erreichen – eine Bildsprache, die zum Thema passt: zurückgenommen, direkt, ohne übertriebene Ästhetik.

Druck und Präsentation

Beim Druck stellten sich neue Fragen: Welches Papier? Welche Oberfläche? Zuerst wurden Probedrucke gemacht, um Farbe, Kontrast und Papierqualität zu prüfen. Erst nach diesem Testlauf folgte der Hauptdruck. Auch die Art der Präsentation wurde sorgfältig durchdacht – wie hänge ich die Bilder auf, in welcher Anordnung, in welchem Abstand, damit die Diptychon-Paare ihre Wirkung entfalten können.

Erste vollständige Fotoserie

Dieses Projekt ist meine erste vollständige Fotoserie – vom Fotografieren über die Auswahl und Bearbeitung bis hin zum fertigen Druck und der Ausstellung. Es hat gezeigt, dass eine Fotoserie weit über den Moment des Auslösens hinausgeht. Der grösste Teil der Arbeit passiert danach: im genauen Hinschauen, im Verwerfen, im Ausprobieren – und im geduldigen Suchen nach dem Bild, das wirklich etwas sagt.

(mbi)

Das Projekt bewegt sich bewusst gegen den medialen Mainstream – doch genau darin liegt auch eine Gefahr. Der Versuch, Frauenfussball anders zu zeigen, kann schnell in eine neue Vereinfachung kippen: Wo die Sportmedien auf Triumph und Spektakel setzen, setzt dieses Projekt auf Stille und Verletzlichkeit. Beide Bilder sind selektiv. Die Frage bleibt offen, ob die Diptychon-Struktur wirklich Komplexität erzeugt – oder ob sie eine bereits getroffene Aussage lediglich verdoppelt.

Auch die Wahl des Anlasses ist nicht neutral: Ein Champions-League-Halbfinale ist kein Alltag. Die gezeigten Körper und Emotionen sind die des Hochleistungssports auf höchstem Niveau. Ob dieses Projekt damit wirklich den Frauenfussball zeigt – oder nur einen besonders aussergewöhnlichen Ausschnitt davon – ist eine berechtigte Frage.

Zudem: Eine Fotoserie, die sich als Gegenbild versteht, braucht ein Gegenüber. Ohne den expliziten Vergleich mit der medialen Darstellung des Männerfussballs bleibt die kritische Dimension implizit – und damit für Aussenstehende möglicherweise unsichtbar.