Eine Trennscheibe, ein Klavier und Gott

Dies ist die Geschichte, wie ein Atheist hunderte Stunden in der Kirche verbrachte und warum ein Klavier dafür seine Existenz als Musikinstrument aufgeben musste! Es wird um Live-Technik gehen, um Kosten, glückliche Zufälle, wie Projekte wachsen und warum man manchmal einfach nicht aufgeben darf.

Es ist Corona-Zeit. Alle bleiben zuhause und keiner darf mehr raus. Netflix gefällt das sehr, Gott nicht so. Denn anders als früher, als noch hunderte jeden Sonntag in die Kirche kamen, dürfen jetzt nur noch 15 kommen. Die dürfen nicht singen, nicht das Abendmahl empfangen und müssen einen Mundschutz tragen.

Einfach nicht fair

Alles fing damit an, dass ich im März 2020 ein Dokument der Dorfkirche zugespielt bekam, mit der Anfrage, ob der Deal fair sei oder nicht. In der Offerte ging es um ein Angebot, die Gottesdienste der Reformierten Kirche Arlesheim zu streamen. Alles in allem wurde für ein Jahr, jeden Sonntag den Gottesdienst zu streamen, ein Betrag von über CHF 50’000 genannt. Alternativ wurde ein Angebot für ein Livestudio zum selber Filmen plus Schnittplatz gemacht, beides zusammen CHF 18’000. Dazu kommen CHF 800 pro Schulungstag und fürs Ausstrahlen je CHF 350.

Man hat mich um meine Einschätzung gebeten, ob dieser Deal fair sei. Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht!

Nach etwas googeln hatte ich mein Angebot zusammen: Ein Schnittplatz, zwei Kameras, den Ton und das Streaming für CHF 5’000.

«Man darf aber nichts sehen»

Im September ist es dann so weit. Die Corona-Fallzahlen steigen rasant an und der Bund beginnt die Massnahmen zu verschärfen. Ich dachte mir «langsam müssten Sie etwas tun, wenn sie wollen, dass sie rechtzeitig zum zweiten Lockdown live sind» und habe angefragt, ob ich mal vor Ort zeigen und erklären darf, was möglich, machbar und zahlbar ist.

Eine Woche später finde ich mich am Abend in der Kirche wieder. Anwesend sind alle drei Pfarrer und der Sigrist. Das Lustige ist, dass alle unterschiedliche Ansprüche an die Livestream-Anlage haben. Einige wichtige sind:

  1. Schnell aufzubauen
  2. Einfach zu bedienen
  3. Mindestens zwei Kameras
  4. Ton der bestehenden Anlage und Ton der Orgel
  5. Nichts darf angeschraubt werden wegen Denkmalschutz
  6. Man darf, wenn nicht gestreamt wird, nichts vom Equipment sehen.

Grund für Punkt 5 und 6: Es ist eine öffentliche Kirche unter Denkmalschutz. Das Gesamtbild darf nicht verändert werden. Ausserdem ist die Kirche jederzeit offen und meist unbeaufsichtigt. Wenn Kameras einfach rumstehen, könnte die jeder mitnehmen.

Lange haben wir zu fünft diskutiert, wie man zwei Bildschirme, Kameratechnik und einen PC mitten in einer Kirche verbergen und abschliessen kann. Plötzlich sagt einer der Pfarrer im Spass: «Wir könnten ja alles in ein Klavier einbauen.». Nach der Sitzung liess mir diese Idee keine Ruhe und so begann die Recherche: Wer hat ein Klavier, braucht das nicht mehr und würde es der Kirche überlassen damit ich eine Live-Regie hineinbauen kann.

Die, die der Umbau nicht interessiert, können bis zum Abschnitt «In der Kirche» springen.

Das schlimmste Geräusch der Welt

Wir haben ein Klavier gefunden, das wir gratis haben können. Die einzige Bedingung ist, dass wir alles entsorgen müssen, was wir nicht verwenden. Mit diesen News geht der Pfarrer zum Kirchenrat, der die Kosten gutheissen soll.

Eine Woche Später kommt das Go. Mein Vater, meine Freundin und ich machen uns mit Werkzeug bewaffnet auf, um ein Klavier zu zerlegen. Dabei geht es darum, im Innenraum so viel Platz wie möglich zu schaffen, ohne dass man es von aussen sieht. Die Tasten und alle Hämmer lassen sich sehr einfach ausbauen. Das erste Problem sind die Saiten. Leider lassen sich die Spanner nicht einfach aus dem Holz schrauben, da sie so nahe beieinander stehen, dass keine Zange Platz hat und keine Nuss des Akkuschraubers richtig greifen kann. Irgendwann verschwindet mein Vater in der Werkstatt. Was wir kurz darauf hören ist für mich das schlimmste Geräusch der Welt:

Bitte akzeptiere die statistics, marketing Cookies um diesen Inhalt zu sehen.
Das schlimmste Geräusch der Welt…

Das nächste Hindernis ist der gusseiserne Rahmen im Rückteil des Klaviers. Leider sind die Schrauben verleimt, sodass am Ende nichts anders bleibt, als die Schraubenköpfe wegzubohren. Keiner von uns hat vorausgesehen, dass wir so viel Gewalt anwenden müssen, um das Instrument aus dem Klavier zu entfernen.

Langsam nimmt alles Form an

Als Nächstes muss die Rückwand raus, denn wir brauchen den Platz um den Computer unterzubringen. Ein Glück ist mein Bruder ein Schreiner und kennt Werkzeuge, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt. Er organisiert eine Oszilatorsäge. Damit lässt sich die Rückwand einfach Rausschneiden.

Bitte akzeptiere die statistics, marketing Cookies um diesen Inhalt zu sehen.
Super praktisch: Oszilationssägen.
Nach einigem Sägen ist das Klavier durchsichtig.

Es muss erwähnt werden, dass all das auch mit einer klassischen Stichsäge machbar gewesen wäre. Allerdings lässt sich damit in den Ecken nicht jeder Winkel gleich gut zuschneiden. Für alle, die keinen Schreiner kennen, noch ein kleiner Geheimtipp: OBI, Coop Bau und Hobby und einige weitere DoItYourself-Geschäfte bieten oft Holzzuschnitt an. Auch haben wir die Rückseite und die Tischplatte im OBI zuschneiden lassen und auch gleich zwei kleine Schlösser gekauft, um das Klavier abschliessbar zu machen.

Das Tischplatte und die Rückseite bestehen aus MDF, einem Faserverbundstoff, der sehr einfach zu verarbeiten ist.

Nach einigem einpassen der Tischplatte mit der Säge, können wir alles zum ersten Mal reinstellen und langsam wird klar, wie es aussehen könnte.

Mit dem Klavier fast fertig, beginnt die Planung von allem, was rein muss. Im Wesentlichen sind das ein HDMI-Switcher und ein PC. Dieser nimmt gleichzeitig das Signal von bis zu vier Kameras entgegen und zeigt eine Vorschau von allen an. Er hat Knöpfe, mit denen man zwischen den Kameras wechseln kann.
Der PC dient als Schnittplatz und als Zugang, um zu überwachen, ob der Stream auf YouTube funktioniert.

In der Kirche

Dann der grosse Moment: Das Klavier kommt in die Kirche. Bis hierhin haben die Mitglieder der Kirche das Klavier noch nicht gesehen, also waren wir ziemlich nervös wie sie darauf reagieren.

Unten, wo früher die Pedale waren, geht jetzt Strom und Internet ins Klavier.
Die Rückwand wurde noch schwarz gemalt.

Inzwischen beinhaltet das Klavier PC, Switcher, zwei Bildschirme, zwei Kameras, Zwei Stative und über 250 Meter Kabel.

Laien Lernen Live

Eine der Herausforderungen war es, dass der Stream von «Nicht-Digital Natives» umgesetzt werden soll. Das bedeutet viel erklären, zeigen und einführen in Dinge, die für unter 30-Jährige relativ selbstverständlich sind. Ich werde nachträglich hier alle Schulungsdokumente hochladen. Leider sind diese noch gar nicht geschrieben.

Für alles gibt es ein erstes Mal

Es ist so weit: Zwei Kameras, die Live-Regie, das Internet, das wir via langem Kabel und 4G-Router erhalten, und alle, die die Regie machen sollen, sind bereit. Am Krippenspiel kam das alles zum ersten Mal mit einem Gottesdienst zusammen. Für die Kirchgemeinde ist es ein riesiger Erfolg. Die Kirche hätte ca. 400 Plätze, dank Corona dürften 50 Leute in die Kirche aber den Stream schauen über 700 Personen.

Bitte akzeptiere die statistics, marketing Cookies um diesen Inhalt zu sehen.
Dies ist der erste öffentliche Livestream der Kirche Arlesheim. Ich habe nur überwacht und beraten, der Stream wurde von Mitgliedern der Kirchgemeinde durchgeführt und war ein voller Erfolg.
Das Studiolicht und die Lautsprecher sind normalerweise nicht in der Kirche und nur wegen Corona hier.

Und jetzt?

Es gibt noch viel zu tun. Wie schon erwähnt, muss die ganze Dokumentation noch geschrieben werden. Diese werde ich auch hier zur Verfügung stellen. Der Ton macht immer noch stellenweise Probleme, da die alte Anlage der Kirche nicht optimal mit der neuen Streaming-Anlage zusammenarbeitet. Manche Teile wurden, wegen Corona und der Nähe zu Weihnachten, immer noch nicht geliefert. Alles lässt sich massiv vereinfachen und vieles ist noch nicht richtig an die neuen Betreiber übergeben.

Für Euch zum Nachmachen

Falls jemand plant, dies nachzumachen eine Bitte und einen Rat:

  1. Bitte verarscht eure Kunden nicht, nur weil sie nicht wissen, was etwas kosten darf. 
  2. Plant Dinge gut, aber nicht zu weit im Voraus. Bleibt flexibel und hört auf eure Kunden. Meistens wollen sie nicht das, was sie brauchen, sondern das, was sie kennen. Dann ist es an dir, ihnen neue Wege zu zeigen.

Wenn jemand weitere Infos für seinen Umbau braucht: phneth29@bluewin.ch.

(spu)

Dieses Projekt ist völlig eskaliert. Es begann mit „Können wir mit einem Laptop Live gehen“ und inzwischen sind wir bei einem Projekt dass über 200 Arbeitsstunden und ein Budget benötigt hat, das etwa dreimal über dem Startbudget liegt.
Wie es dazu kam? Ideen entstehen, entwickeln sich und werden umgesetzt.

Für mich war es das erste Projekt in diesem Umfang. Ich wusste wie man Livestreams aufbaut, habe aber noch nie ein vollständiges Setup verkauft. Ich habe viel über Projektmanagement gelernt und darüber, dass alles gut kommt, wenn man einfach alles in kleine Probleme aufteilt und diese einzeln löst. Ich habe den Ton lange ignoriert, weil es nicht wichtig oder lösbar war, und dann hatte ich das vergnügen innert einer Woche alles was es für den Ton braucht noch schnell zu organisieren. Aber in dieser Woche habe ich mehr über Micro’s, Mischpulte, Phantompower und diverse andere Audiothemen gelernt, als in den letzten paar Jahren.

Ich würde nicht viele Dinge beim nächsten Mal anders angehen. Im grossen und ganzen haben wir die Probleme auf dem Weg gelöst. Das was mich wurmt, ist dass ich meinem Team nicht vor dem Gottesdienst beigebracht habe, was ein Weissabgleich ist. Die Proben waren am Tag und ohne Kunstlicht. Ich habe erst nach Beginn des Streams gemerkt, dass die Scheinwerfer alles super gelb machen. Inzwischen sind alle nachgeschult und ich habe gelernt, bei Proben ALLES so zu machen als wäre es ernst, auch das Licht.

Das Projekt LiveKlavier wurde zu etwas wie einem Bijou von mir. Es musste funktionieren, weil ich wollte, dass es funktioniert. Ich habe viel Herzblut im Klavier versenkt und hoffe dass die Kirchgemeinde damit glücklich wird, denn alles in allem bin ich nach wie vor ein Atheist und glaube nicht an Gott oder die Kirche, aber ich glaube an Gemeinschaft. Darum war es mir wichtig, diese Tool der Kirche zugänglich zu machen, damit auch wenn Corona schlimmer wird, ihre Gemeinschaft nicht vollständig zerbricht.

Ein Besonderes Dankeschön in Alphabetischer Reihenfolge an alle, ohne die diese Projekt nicht möglich gewesen wäre.

Dieter Günthart

Claudia Lager

Claudia und Walter Herrli

Kirchgemeinde Arlesheim

Kirchenpflege Arlesheim

Lars Neth

Livestream Team

Martin Neth

Sarah Deckarm

Thomas Mori

und die vielen Anderen, die mit einer guten Idee oder einer helfenden Hand zum Erfolg beigetragen haben.