Ein glücklicher Fehlkauf / Portraitfotografie mit der Canon EOS R5

Canon brachte die C50 auf den Markt. Eine starke Videokamera, die gleichzeitig auch Fotos in hoher Megapixel anzahl schiessen kann, klang für mich wie ein Traum. Der Traum platzte, als ich merkte, dass sie keine Blitze auslösen konnte. Mit einer R5 legte ich also zusätzlich eine Fotokamera zu und kann mit beiden nicht glücklicher sein.

Ein Kamera-Fehlkauf als Selbstständiger kann fatal enden. Als Foto- und Videograf merkte ich immer wieder, dass meine Videos mit meiner Canon EOS R6 Mark II nie an die gewünschte Qualität gelangten, insbesondere bei geringen Lichtverhältnissen. Zudem machten mir die verfügbaren Anschlüsse Mühe: Micro-HDMI und keine Möglichkeit Mikrofone mit XLR-Anschluss anzubringen. Als die Canon C50 veröffentlicht wurde, fühlte ich mich gesehen.

Nach zahlreichen Reviews und Testberichten war ich überzeugt: Die C50 bietet mehr als meine arme R6 Mark II je bieten kann. Ein Sensor mit mehr Megapixel für Fotografie und Dual-Base-ISO für Video. Ich testete die Kamera auf diversen kleinen Drehs, filmte eine Hochzeit und war begeistert von der Low-Light-Performance und dem XLR-Handgriff. Der aktive Lüfter verhinderte Überhitzung und das User-Interface war mehr auf meine Video-Bedürfnisse getrimmt. Und dennoch gab es ein mir wohl bekanntes Foto-Menü, welches sich aber überraschend leer anfühlte. Schliesslich folgte die Böse Überraschung:

Die Canon C50 kann mit ihrem ausschliesslich elektronischen Sensor keine Blitze auslösen.

Ich habe also unwissentlich eine Fotokamera mit Videofunktion für eine Videokamera mit Fotofunktion eingetauscht. Für mich eine Katastrophe.

Zunächst versuchte ich Self-Portrait-Shootings mit Dauerlicht zu schiessen. Es dauerte nicht lange bis ich bemerken musste, dass zwischen Blitz und Dauerlicht Welten liegen. Die Fotofunktion der C50 liess mich unbefriedigt, die Dauerlicht-Portraitfotografie für mich ein gescheitertes Experiment.

Portrait, welches mit Dauerlicht geshootet wurde
Dieses Portrait wurde mit Dauerlicht geschossen. Meine Partnerin half mir hierbei beim Abdrücken auf der C50. Mit der Qualität vom Foto bin ich aber nicht zufrieden. Der ISO-Wert ist zu hoch, die Kanten sind leicht verschwommen und die Blende ist weit offen, damit es überhaupt genug Licht erhält.
Foto: Kalid & Ronja Engel

Mein Fehlkauf beunruhigte mich derart, dass ich mich entschied, eine Zweitkamera zuzulegen. Wenn ich nämlich für ein Portraitshooting gebucht werden würde, könnte ich nicht die Qualität bereitstellen, die ich als zufriedenstellend empfinde. Kurzerhand fand ich Occasion eine Canon EOS R5 mit reduziertem Preis. Sie ist nicht von der neusten Generation, bietet aber alles was man von einer Fotokamera erwartet. Ein Vollformat 45-Megapixel Sensor ist dazu noch das Sahnehäubchen.

Zuerst standen einige Testshoots an. Mit meinem Godox SK 400II V und meinem SK200II erstellte ich kurzerhand ein kurzes Setup in unserem Wohnzimmer, mit zwei unterschiedlich grossen parabolen Softboxen. Eine davon tauschte ich später aus und montierte stattdessen ein grosses Striplight, für dramatischeres Licht. Getestet habe ich mit einem Fernauslöser, der wegen der neuen Kamera zuerst etwas Mühe bereitet hatte.

Während des ganzen Nachmittags stellte ich das Blitzsetup immer wieder um und testete neue Einstellungen. Besonders gefiel mir dabei das Blitzlicht hinter mich aufzustellen um einen coolen Glow zu erhalten.

Ich wusste, dass ich für einen harten, “crunchy” Look gehen will. Ich arbeitete mit erhöhtem Kontrast, fügte mehr “Struktur” und “Klarheit” hinzu. Besonders bei den Silhouettenbildern wollte ich möglichst wenig von meiner Gesichtsstruktur zeigen, da so die Wirkung nochmals stärker ist. Hierzu erstellte ich in Lightroom eine Maske und reduzierte das Licht so sehr, dass es am Ende nur noch schwarz war und keine Informationen vorhanden waren.

Zwischendurch stieg immer wieder der Blitz aus, da die Funkstrecke nicht immer verlässlich funktioniert, besonders wenn ich schnell abdrückte. Das Bild was dadurch entstand weckte in mir mehr Emotionen als die anderen, weil es sehr ehrlich ist.

Hier noch einige weitere Bilder aus dieser Serie:

Überrascht vom Detaillierungsgrad, welcher der 45MP Sensor der R5 erlaubte, machte ich noch aus Jux ein Retinabild. Die Rohbilder sahen katastrophal aus, da ich kein Makro-Objektiv zur Hand hatte. Nach viel Bearbeitung in Lightroom und Photoshop entstand aber diese Montage:

In der Zwischenzeit meldete sich ein guter Freund von mir. Ihm gefielen die Bilder, die ich in der Zwischenzeit auf Instagram postete, so gut, dass er auch einige Portraitbilder in einem ähnlichen Stil haben wollte. Für mich stellte das eine grossartige Möglichkeit dar, meine Erkenntnisse aus den Selbstportraits an einem “echten” Model zu testen.

Mein Setup unterschied sich hierbei nicht gross, aber das erneute Aufstellen kostete Zeit. Zudem verwendete ich dieses Mal einen schwarzen Backdrop, um das Bearbeiten zu vereinfachen. In den RAW-Bildern sieht man teilweise noch unser mobiliar, die Decke, etc. Ein Setup in einem Studio wäre wahrscheinlich einfacher gewesen und hätte mehr Kontrolle gegeben, für uns beide war Bern aber etwas zu weit und die Testbilder zeigten bereits, dass die Wohnzimmeraufstellung gut funktioniert.

Wenn man aber die Belichtung hochstellt, sieht man plötzlich ganz viele Elemente, die das Bild normalerweise kaputtmachen würden. Ein Möbel hier, eine Lampe dort, ein Putzmittel in der Ecke… Diese waren jedoch im Editing einfach zu entfernen.

Zusammen fuhren wir dann zwei Dörfer weiter nach Rothrist, da ich dort ein attraktives Industriegelände entdeckt hatte, was sich für Portraitshootings sehr anbot.

Bisher beschränkte ich mein Editing immer auf einfache Bearbeitungen, Lichtkorrekturen und Entfernungen von störenden Elementen. Das behielt ich bei diesen Bildern teilweise bei. Insbesondere musste ich die Brille korrigieren, da ich in der Reflektion erkennbar war. Bei den Outdoor-Bildern ersetzte ich die Brillengläser jedoch nicht, da der Aufwand sehr gross war.

In manchen Bildern sah ich zusätzliches Potenzial. In Photoshop tobte ich mich aus. Ich stellte die Bilder frei, fügte mehr Korn hinzu, suchte auf Envato nach Scratch-Texturen und fügte diese darüber hinzu. Bei einem anderen Bild ersetzte ich die Brille mit einem “Swirl”/Wirbel, welcher dem Bild wilder wirken lässt.

Color Grading ist immer noch meine grösste Schwäche, bei Video- und Fotografie. Hier hatte ich etwas mit dem Color Grading herumprobiert.

Schlussendlich setzte ich noch einen Post für @project_kal auf Instagram ab.

(nsc)

Ich bin stolz auf die Bilder, die entstanden sind, auch wenn es noch viel gibt, was zu verbessern wäre. Mir gefallen die Backlight-Bilder besonders, insbesondere wie es sich hier trotzdem mit Farben zu spielen lohnt.

In der Zwischenzeit habe ich gesehen, dass das gleiche Setup auch funktioniert, wenn man einen negative-Fill zwischen der Softbox und dem Subjekt verwenden würde. Dazu bräuchte ich aber wohl eine noch grössere Softbox und dazu habe ich keinen Platz zuhause. Es gibt also noch viel zu testen.

Im Color Grading habe ich noch viel zu lernen, aber diese Edits sind schon um einiges besser, als ich noch ein Jahr vorher unterwegs war.

Schlussendlich sind diese Bilder etwas, was ich sehr gerne in meinem Portfolio aufnehmen werde. Für Geschäftskunden ist dieser Bildstil zwar selten relevant, aber das Wissen, was ich aus dem Blitzsetup schöpfen konnte, hilft mir dennoch, mein nächstes Portraitshooting besser vorzubereiten.

Dieses Projekt ergab mir die perfekte Möglichkeit, die Limits meiner R5 zu testen und dabei coole Bilder zu schiessen und mich im Editing zu verbessern. Trotz meiner Enttäuschung über den Fotomodus der Canon C50 bin ich zufrieden mit beiden Kameras, da sie unterschiedliche Bereiche abdecken.

Was am meisten Zeit benötigt hatte, waren die ganzen Bilder mit dem grösseren Editing-Aufwand, wie dem Freistellen, Ersetzen der Sonnenbrille etc. Bei den meisten Bildern musste ich mich zuerst etwas finden und definieren, wo ich denn eigentlich lang möchte.

Das Freistellen stellte sich besonders schwierig heraus. Hierzu schaute ich nochmals einige Tutorials, um einen sauberen Workflow zu erhalten. Ich testete bei den Haaren eine neue Technik, welche mit dem Nachbelichter und Abwedler arbeiteten, damit ich die Haare sauber freistellen kann. Wie so oft sah es im Tutorial einfacher aus, als es in der Realität war und ein gewisser Rand blieb bestehen, wenn auch deutlich besser als die eingebauten Haar- und KI-Tools von Adobe.

Auch beim Color Grading musste ich nochmals mit einigen Tutorials nachhelfen, auch wenn diese oftmals nicht viel brachten. Ich denke beim Color Grading benötige ich einfach noch viel mehr Übung.

Und ein weiterer Punkt bei dem ich viel Zeit investierte ist, durch jedes Foto durchzugehen und die Reflektion in der Sonnenbrille zu korrigieren. Oftmals war ich sichtbar in einer unvorteilhaften Position, was beim Endresultat sehr unschön ausgesehen hätte. Hierzu würde ich in Zukunft einen Polfilter einsetzen um das Risiko zu reduzieren. Da ich aber einen ND-Filter drauf hatte, bräuchte ich einen Polfilter, der mit diesem spezifischen ND-Filter stapelbar wäre.

In Zukunft würde ich noch etwas mehr mit harten Lichtquellen herumprobieren oder dieselben Prinzipien auf Video anwenden.

Am Ende waren es 205 bearbeitete Bilder mit Rafael und 30 weitere als Selbstportrait. Auf KI habe ich bewusst verzichtet.