EI AM SEE – Entwicklung eines Kollektivprojekts

Gemeinsam mit einigen Freund:innen habe ich ein Kollektiv am Egelsee in Bern gegründet. Unser Ziel ist es, die bestehenden Galerieräume am Kulturort Egelsee aktiver und nachhaltiger zu gestalten und dort einen offenen Ort für Kunst, Kultur und Begegnung zu schaffen. Es soll ein Raum entstehen, der Austausch ermöglicht, neue Perspektiven zulässt und lokale Kunstschaffende stärkt.

Seit November haben wir fünf ausführliche Sitzungen abgehalten, in denen wir Schritt für Schritt ein Konzept erarbeitet haben. Zu Beginn stand die Auseinandersetzung mit unserer grundlegenden Idee im Zentrum: Wer sind wir als Gruppe? Welche Werte verbinden uns? Was wollen wir langfristig erreichen? Gleichzeitig haben wir die vorhandenen Räume analysiert: Wie können diese genutzt werden? Welche Möglichkeiten, aber auch welche Einschränkungen gibt es?

Darauf aufbauend haben ich unsere Zielgruppen definiert. Ein besonderer Fokus liegt auf lokalen Künstlerinnen und Künstlern, die noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen, wenig oder keine Ausstellungserfahrung haben und oft nur über begrenzte finanzielle Mittel verfügen. Wir möchten diesen Personen eine Plattform bieten, die einfach zugänglich ist. Neben den Künstler:innen selbst haben wir auch das Publikum als Zielgruppe definiert: kultur- und kunstinteressierte Menschen aus Bern und Umgebung, die offen für neue Ideen sind und den Egelsee als Begegnungsort erleben möchten.

Aus der Zielgruppendefinition ergab sich direkt die Frage nach der Ansprache: Wie erreichen wir diese Personen? Über welche Kanäle sind junge oder weniger etablierte Kunstschaffende präsent? Wir haben diskutiert, welche Plattformen sinnvoll sind, beispielsweise Social Media, persönliche Netzwerke oder bestehende kulturelle Strukturen in Bern, und warum diese Kanäle unserer Zielgruppe entsprechen.

Ein weiterer zentraler Schritt war die Entwicklung unserer Identität nach aussen. Wir haben intensiv über unseren Namen diskutiert und verschiedene Vorschläge erarbeitet. Darauf aufbauend entstand das visuelle Erscheinungsbild des Kollektivs. Das Corporate Design habe ich basierend auf unserem Namen und unseren Werten entwickelt: Farbwelt, Typografie, Logo sowie grundlegende Gestaltungsprinzipien. Ziel war es, eine visuelle Sprache zu finden, die offen, zeitgemäss und eigenständig wirkt, gleichzeitig aber den kulturellen Anspruch und die Niederschwelligkeit unseres Projekts transportiert.

Den bisher grösster Meilenstein war schliesslich die Konzeption der ersten Ausstellung im Rahmen des Openhouse-Days am Egelsee. Dafür haben wir einen Open-Call erarbeitet: Wen sprechen wir konkret an? Welche Kriterien gelten? Welche Rahmenbedingungen können wir bieten? Wie formulieren wir den Aufruf so, dass er professionell wirkt, aber zugleich ermutigend und zugänglich ist? Hier war ich ebenfalls in der Konzeption eingebunden und habe die visuelle Gestaltung des Open Calls übernommen.

Über die sechs Sitzungen hinweg sind wir nicht nur inhaltlich zu einem klaren Konzept gelangt, sondern auch als Team zusammengewachsen. Obwohl wir uns zu Beginn nicht alle kannten, hat uns die gemeinsame Vision verbunden, in Bern einen kulturell relevanten und nachhaltigen Ort mitzugestalten. Meine Arbeit bestand dabei vor allem in der gestalterischen Entwicklung und im Aufbau eines konsistenten Auftritts, gleichzeitig war ich aber auch aktiv in die konzeptionellen Diskussionen und strategischen Entscheidungen eingebunden. Die hier auf Digezz veröffentlichten Projekte sind allesamt von mir gestaltet und formuliert worden, dabei aber immer in enger Absprache mit dem gesamten Kollektiv. 

Folge uns auf Instagram, um das Projekt weiter zu verfolgen: https://www.instagram.com/ei_am_see/

(nsc)

Die Entwicklung des Projekts war weniger klar und linear, als es im Rückblick erscheint. Schon nur unsere Grundidee bzw. ein grobes Konzept diskutierten wir in zwei langen Sitzungen intensiv. Dieser Prozess war teilweise zäh und langwierig, aber notwendig, um unterschiedliche Erwartungen miteinander kombinieren zu können.

 

Besonders anspruchsvoll war die kollektive Entscheidungsfindung. Alle zentralen Fragen wurden zu sechst diskutiert und gemeinsam beschlossen. Da jede Stimme gleich gewichtet wird und wir auf Mehrheitsentscheide verzichteten, dauerten Diskussionen oft lange. Das verlangsamte die Abläufe, führte jedoch auch zu differenzierteren Ergebnissen. Mit der Zeit erkannten wir, dass klare Zuständigkeiten notwendig sind, um arbeitsfähig zu bleiben, und begannen, Rollen bewusster zu verteilen und Verantwortlichkeiten festzulegen.

 

Diese Rollenteilung fand ich sehr hilfreich, weil ich mich dadurch stärker auf das konzentrieren konnte, was mir am meisten liegt: die Gestaltung. Besonders Spass machte mir, den visuellen Auftritt des Kollektivs zu entwickeln und zu übernehmen – auch als willkommener Ausgleich zu den vielen Diskussionen und konzeptionellen Überlegungen.

 

Eine weitere Herausforderung lag im Aufbau funktionierender Arbeitsstrukturen. Zu Beginn fehlte uns eine klare Sitzungsorganisation. Wir mussten erst definieren, wie Treffen moderiert werden, wie Wortmeldungen koordiniert werden, wie Protokolle geführt und wie Beschlüsse verbindlich dokumentiert werden. Diese organisatorischen Fragen wirkten zunächst nebensächlich, erwiesen sich aber als zentrale Grundlage für eine produktive Zusammenarbeit.

Rückblickend war der Prozess aufwändig und zeitintensiv, aber sehr lehrreich. Ich habe gelernt, lange Aushandlungen und Diskussionen auszuhalten, strukturelle Fragen ernst zu nehmen und die Arbeit im Kollektiv als eine eigene Kompetenz zu verstehen, die genauso entwickelt werden muss wie gestalterische oder konzeptionelle Fähigkeiten.