Zurück zu dir: Wie junge Frauen Social Media, Vergleich und Selbstwert erleben

Zwischen perfekten Körpern, scheinbar mühelosen Leben und glücklichen Beziehungen: Was macht es mit jungen Frauen, wenn der Vergleich nur einen Swipe entfernt ist? Dieser Frage bin ich in meiner Bachelorarbeit nachgegangen. Im dazugehörigen Lehrprojekt habe ich die Erkenntnisse in ein Buch, Conversational Cards und Social-Media-Reels übersetzt, die den Blick weg von der Bewertung durch andere und wieder zurück zu sich selbst lenken sollen.

Bachelorthesis


Social Media gehört für junge Frauen selbstverständlich zum Alltag. Instagram, TikTok und andere Plattformen bieten Unterhaltung, Inspiration und Verbindung, schaffen gleichzeitig aber auch unzählige Möglichkeiten, sich mit anderen zu vergleichen. Gerade idealisierte Körper, scheinbar perfekte Beziehungen oder das Gefühl, dass alle anderen im Leben bereits weiter sind, können Unsicherheiten verstärken.

In meiner Bachelorarbeit habe ich deshalb untersucht, wie junge Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren den Einfluss von Social Media auf ihr Wohlbefinden und ihren Selbstwert erleben. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die reine Nutzungsdauer, sondern die persönliche Wahrnehmung: Was passiert beim Scrollen? Wann wird Inspiration zu Vergleich? Welche Inhalte lösen Druck aus? Und was hilft, wenn Social Media plötzlich mehr belastet als bereichert?

Methodisch verfolgte ich einen Mixed-Methods-Ansatz mit qualitativem Schwerpunkt. Dafür führte ich sechs leitfadengestützte Interviews mit jungen Frauen im Alter von 17 bis 24 Jahren sowie ein Expertinneninterview mit einer Fachperson mit Erfahrung in der psychologischen Beratung. Ergänzend nahm ich eine Onlineumfrage mit 51 jungen Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren vor. Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Der Einfluss von Social Media ist nicht einfach positiv oder negativ. Er ist ambivalent und stark von der jeweiligen Situation abhängig. Social Media kann inspirieren, unterhalten und verbinden. Gleichzeitig können dieselben Plattformen Unsicherheit, Druck und Selbstzweifel auslösen.

Besonders deutlich zeigten sich soziale Vergleiche. Rund 82 Prozent der Teilnehmerinnen der Onlineumfrage gaben an, sich zumindest manchmal auf Social Media mit anderen zu vergleichen. Am häufigsten ging es dabei um Kleidung und Stil sowie um Aussehen und Körper. Auch in den Interviews wurde deutlich, dass besonders der Vergleich mit Frauen belastend sein kann, die ähnlich alt wirken oder deren Leben scheinbar erreichbar erscheint. Ein weiterer wichtiger Befund war, dass das Wissen um die Inszenierung auf Social Media nicht automatisch schützt. Mehrere Interviewpartnerinnen wussten sehr genau, dass Bilder bearbeitet, Situationen ausgewählt und nur Ausschnitte eines Lebens gezeigt werden. Emotional können diese Inhalte trotzdem wirken. Gerade in unsicheren oder belastenden Momenten kann aus Inspiration schnell das Gefühl entstehen, selbst nicht schön, erfolgreich oder weit genug zu sein.

Innerhalb der Interviews deutete sich ausserdem an, dass sich die Vergleichsthemen mit der Lebensphase verändern können. Während bei der jüngsten Interviewpartnerin stärker Aussehen, Beliebtheit und Zugehörigkeit im Vordergrund standen, spielten bei der ältesten Interviewpartnerin Partnerschaft, Zukunft und das Gefühl, im Leben hinter anderen zurückzubleiben, eine grössere Rolle.

Als besonders hilfreich wurden reale Gespräche, ein unterstützendes Umfeld, das bewusste Weglegen des Handys und die Erinnerung daran beschrieben, dass Social Media nur einen Ausschnitt der Realität zeigt. Gleichzeitig zeigte sich, dass persönliche Grenzen nicht immer leicht einzuhalten sind. Zeitlimits werden ignoriert, Apps nach kurzer Zeit wieder installiert und belastende Inhalte tauchen trotz Entfolgen erneut im Feed auf.

Aus diesen Erkenntnissen entstand mein Lehrprojekt «Zurück zu dir».

Lehrprojekt

Im Mittelpunkt des Lehrprojekts steht die Frage, was hinter den Vergleichen eigentlich liegt. Denn Social Media erscheint in den Ergebnissen nicht als alleinige Ursache von Unsicherheit, sondern vielmehr als Umfeld, in dem bereits vorhandene Themen verstärkt werden können: Selbstwert, Körperbild, Zugehörigkeit, Liebe, Beziehungen, persönliche Grenzen und die Frage, ob man selbst eigentlich genug ist.

Das erste und umfangreichste Element ist das 120-seitige Buch «Zurück zu dir». Es behandelt Themen wie Selbstwert, Körperbild, Overthinking, Liebe und Dating, Bindungsmuster, Daddy Issues, Loslassen, Freundschaften und persönliche Grenzen. Jedes Kapitel folgt dabei derselben Bewegung: von einem vertrauten Gefühl über die Frage, was möglicherweise dahinterliegt, bis hin zur eigenen Reflexion. Damit die Inhalte nicht nur gelesen, sondern auch auf das eigene Leben übertragen werden können, wird empfohlen, das Buch mit einem begleitenden Tagebuch zu bearbeiten und Gedanken, Antworten auf Reflexionsfragen und persönliche Erkenntnisse darin festzuhalten. Ergänzt wird das Buch durch echte Tagebucheinträge von mir, die aus verschiedenen Phasen meines eigenen Lebens stammen. Da mich viele der behandelten Themen bereits seit Jahren begleiten und beschäftigen, geben diese Einträge einen ehrlichen Einblick in Momente, in denen ich selbst mitten in diesen Gefühlen, Unsicherheiten und Erfahrungen steckte. Reflexionsfragen und kleine Übungen führen diese persönliche Auseinandersetzung weiter und schaffen bewusst einen Kontrast zu den perfekten und inszenierten Darstellungen, die auf Social Media häufig sichtbar sind.

Ergänzt wird das Buch durch 45 Conversational Cards unter dem Titel «Zurück zu dir. Fragen, die näher bringen». Die Karten sind in die drei Kategorien «Icebreaker», «In meinen Gefühlen» und «Oh Love» gegliedert. Sie greifen den Befund auf, dass reale Gespräche von mehreren Befragten als besonders hilfreich erlebt wurden, und sollen dazu anregen, über Selbstwert, Ängste, Bedürfnisse, Grenzen, Liebe und Beziehungsmuster zu sprechen. Sowohl das Buch als auch das Kartenspiel wurden als physische Produkte umgesetzt. Das Kartendeck habe ich vollständig selbst hergestellt: von der Gestaltung und dem Druck über das Laminieren und Zuschneiden der einzelnen Karten bis hin zur selbst angefertigten Verpackung. Dadurch wurde aus dem inhaltlichen Konzept ein greifbares Produkt, das direkt genutzt und ausprobiert werden konnte.

Beispielkarten
Beispielkarten
Beispielkarten

Das dritte Element bilden drei Social-Media-Reels, die als Ausschnitte eines fiktiven Podcasts gestaltet sind. Ein persönlicher Tagebucheintrag eröffnet die Geschichte, anschliessend werden Fragen aus den Conversational Cards in Gesprächssituationen aufgegriffen. Thematisch drehen sich die Reels unter anderem um wiederkehrende Beziehungsmuster, Rückzug und Kommunikation. Dadurch werden die Inhalte des Buches und der Karten in ein Format übertragen, das der Lebenswelt der Zielgruppe entspricht.

Mein grösstes Learning aus dem Projekt ist, dass es beim Umgang mit Social Media nicht darum gehen kann, noch eine weitere Anleitung dafür zu schaffen, wie man etwas «richtig» machen muss. Auch Selbstfürsorge sollte nicht zum nächsten Optimierungsprojekt werden. Viel wichtiger ist es, Unsicherheit wahrnehmen zu dürfen, ehrlich darüber zu sprechen und den eigenen Wert weniger davon abhängig zu machen, was andere zeigen, besitzen oder scheinbar bereits erreicht haben.

Am meisten nehme ich aus diesem Projekt mit, dass wir uns selbst manchmal zwischen Erwartungen, Vergleichen und dem Leben anderer verlieren. Aber egal, wie weit du dich von dir entfernt hast: Du darfst jederzeit wieder anfangen, zurück zu dir zu finden.