Aus der Notizen-App ins Drehbuch

Die Entwicklung unseres Mystery-Kurzfilms «Das Tagebuch»

Wir, Andrin Zünd und Damiana Jil Daffré, studieren gemeinsam Multimedia Production in Chur. Einen Kurzfilm wollten wir eigentlich schon lange für das Modul Konvergentes Produzieren umsetzen. Nur kam immer etwas dazwischen. Damiana hatte durch die Venedig-Reise bereits genügend Digezz-Stunden gesammelt, andere Projekte drängten sich vor, und aus «das machen wir dann noch» wurde plötzlich: jetzt oder nie.

Nächstes Semester haben wir zum letzten Mal Digezz in diesem Format. Damit ist es auch die letzte Gelegenheit, den Kurzfilm wirklich zu drehen. Dieses Semester ging es deshalb darum, endlich aus der Ideensammlung herauszukommen und ein konkretes Projekt zu entwickeln: mit Treatment, Drehbuch und einer Geschichte, die wir im nächsten Semester tatsächlich produzieren können.

Irgendwo in unseren Notizen-Apps liegen seit Jahren Filmideen. Manche bestehen nur aus einem Satz, andere aus halben Szenen, Stimmungen oder Bildern, die irgendwann einmal wichtig werden könnten. Als wir mit der Entwicklung begannen, hatten wir also nicht zu wenig Ideen. Eher das Gegenteil. Unser Problem war nicht der leere Kopf, sondern der überfüllte.

Für unser Kurzfilmprojekt entwickelten wir den Arbeitstitel «Das Tagebuch». Gedreht wird erst im nächsten Semester. In den Sommerferien wollen wir alles konkretisieren: Drehorte, Drehtage, Rollen, Schauspielende und mögliche Unterstützung von anderen Studierenden.

Viel zu viele Ideen

Am Anfang sammelten wir alles, was uns einfiel. Dabei merkten wir schnell, dass viele unserer Ideen zu gross gedacht waren. Einige funktionierten eher als Spielfilm oder Serie, aber nicht als Kurzfilm. Andrin brachte schliesslich zwei Ansätze mit, die kürzer und konzentrierter wirkten: einen Geschwisterstreit um ein Erbe und eine Geschichte rund um ein Tagebuch, das ursprünglich von einem Polizisten gefunden wird.

Diese beiden Ideen gaben wir unserem Dozenten Marc Lutz für ein erstes Feedback. Dabei wurde schnell klar: Der Erbstreit wäre wahrscheinlich eher Stoff für einen Langspielfilm. Bei der Tagebuch-Idee erkannte man den Polizisten als möglichen Täter zu schnell. Ausserdem fehlten der Hauptfigur noch innere und äussere Bedürfnisse. Die Geschichte brauchte also mehr als nur einen Twist. Sie brauchte eine Figur, die etwas will, etwas falsch macht und dadurch in die Geschichte hineingezogen wird.

Nach vielen weiteren Brainstorming-Stunden entstand daraus eine neue Richtung. Andrin hatte die Idee, die Hauptfigur zu einem jungen Nachwuchsjournalisten zu machen. Gemeinsam entwickelten wir daraus Tim, einen Jugendlichen, der eine kleine Newsseite für sein Dorf betreibt und endlich ernst genommen werden möchte.

Vom Krimi zur moralischen Frage

Mit Tim veränderte sich die Geschichte. Plötzlich ging es nicht mehr nur um ein mysteriöses Tagebuch und eine tote Frau, sondern auch um Ehrgeiz, Anerkennung und die Frage, wie weit jemand für eine gute Story gehen würde.

In «Das Tagebuch» folgt Tim einem Polizeiauto, weil er auf seine erste grosse Geschichte hofft. Er findet das Tagebuch einer verstorbenen Frau und beginnt zu lesen, obwohl er es besser wissen müsste. Je tiefer er in die Einträge eintaucht, desto mehr zweifelt er daran, ob der Fall wirklich so abgeschlossen ist, wie alle behaupten.

Uns war wichtig, dass der Film kein klassischer Krimi wird. Auch kein Horrorfilm. Die Spannung soll weniger aus Schockmomenten entstehen, sondern aus Unsicherheit. Was stimmt wirklich? Was bildet sich jemand ein? Was wird verschwiegen? Und was passiert, wenn man eine fremde Tragödie benutzt, um selbst endlich gesehen zu werden?

Schreiben ist Einschränken

Der schwierigste Teil war nicht, Ideen zu finden. Der schwierigste Teil war, sich von Ideen zu trennen.

Bei jedem Treffen kamen neue Möglichkeiten dazu: andere Figuren, andere Wendungen, andere Enden, andere Motivationen. Gleichzeitig mussten wir uns immer wieder daran erinnern, dass wir einen Kurzfilm schreiben. Nicht alles, was spannend ist, passt auch in zehn Minuten. Viele Ideen mussten raus, obwohl wir sie mochten.

Das war teilweise frustrierend, aber auch eines der wichtigsten Learnings. Eine gute Idee wird nicht automatisch besser, wenn man noch mehr hinzufügt. Manchmal wird sie besser, wenn man sie endlich kleiner macht.

Gegen Ende entwickelte Andrin stärker die Story und einzelne Texte weiter. Damiana übernahm viel beim Ausformulieren des Treatments und beim Übertragen der Geschichte ins Drehbuch, auch weil sie sich im Modul Branded Motion bereits intensiver mit Treatments beschäftigt hatte. Trotzdem blieb es ein gemeinsamer Prozess. Wir diskutierten Figuren, Szenen, Logik, Spannung und Atmosphäre immer wieder zusammen.

Zwischen Verhörzimmer und Tagebuchseiten

Der Film beginnt in einem Verhörzimmer. Luisa, Tims Schulfreundin, wird von einem Polizisten befragt. Von dort aus wird die Geschichte als Rückblende erzählt. Tim hört zufällig über einen Polizeifunk von einem Einsatz, fährt zur Segelgasse und wittert eine Story. Später betritt er mit Luisa das Haus der verstorbenen Marie Keller und nimmt ihr rotes Tagebuch mit.

Beim Lesen merkt Tim, dass Marie offenbar Angst vor einer Gestalt namens James hatte. Auch ihr Arzt Dr. Heeb glaubte ihr nicht. Je weiter Tim liest, desto mehr verschiebt sich die Geschichte zwischen Recherche, Schuldgefühl und Gefahr.

Visuell stellen wir uns den Film ruhig und beklemmend vor. Viel natürliches Licht, Bildschirmlicht, Laternenlicht und das grelle Neon des Verhörzimmers. Die Tagebuchpassagen sollen sich leicht vom Rest abheben, fast wie Erinnerungen, die schon am Verblassen sind.

Das vollständige Treatment gibt es hier zum Lesen.

Wer tiefer in die Geschichte eintauchen will, das Drehbuch findest du hier.

(mbi)

Am meisten unterschätzt haben wir die Ideenfindung. Wir dachten, dass wir schneller von einer Grundidee zu einer fertigen Geschichte kommen würden. Stattdessen verbrachten wir sehr viele Stunden mit Brainstorming, Verwerfen, Neuansetzen und Diskutieren. Das war anstrengend, aber im Nachhinein wahrscheinlich nötig.

Schwierig war auch, eine Geschichte zu finden, mit der wir beide wirklich zufrieden sind. Wenn zwei Personen schreiben, prallen automatisch verschiedene Vorstellungen aufeinander. Manchmal wollte eine Person mehr Mystery, die andere mehr psychologische Tiefe. Manchmal klang eine Idee im Kopf gut, funktionierte aber im Drehbuch nicht mehr. Wir mussten lernen, unsere eigenen Lieblingsideen loszulassen, wenn sie der Geschichte nicht halfen.

Ein weiteres Learning war der Unterschied zwischen «eine Idee haben» und «eine Geschichte filmisch erzählen». Vor diesem Projekt hatten wir beide noch nie eine Filmidee so weit entwickelt. Logline, Treatment, Figurenhintergründe, Spannungsbogen, Drehbuchformat, Dialoge und Szenenstruktur waren deshalb nicht einfach Formsache, sondern echtes Neuland.

Besonders wichtig wurde für uns die Frage nach den Bedürfnissen der Figuren. Tim durfte nicht einfach neugierig sein. Er musste etwas wollen. Er will als Journalist ernst genommen werden. Genau dieses Bedürfnis bringt ihn dazu, Grenzen zu überschreiten. Erst dadurch wurde die Geschichte stärker.

Für die nächsten Schritte müssen wir vor allem prüfen, wie gut die Geschichte tatsächlich drehbar ist. In den Sommerferien wollen wir Drehorte suchen, Drehtage planen, Rollen besetzen und weitere Unterstützung organisieren. Dann wird sich zeigen, ob das, was auf dem Papier funktioniert, auch vor der Kamera funktioniert.

Was hängen bleibt

«Das Tagebuch» hat uns gezeigt, dass Kurzfilm nicht automatisch einfacher ist, nur weil er kürzer ist. Im Gegenteil: Weil wenig Zeit bleibt, muss fast alles sitzen. Jede Figur, jede Szene und jede Entscheidung braucht einen Grund.

Aus einer Sammlung alter Notizen wurde für uns zum ersten Mal ein konkretes Filmprojekt. Noch ist der Film nicht gedreht, aber die wichtigste Schwelle haben wir bereits überschritten: Wir sind von «Wir hätten da eine Idee» zu einem Treatment und Drehbuch gekommen. Und genau das fühlt sich schon jetzt nach einem ziemlich grossen Schritt an.