Analoge Fotografie – von Auslöser bis zum fertigen Abzug

In einer Zeit, in der Bilder innerhalb von Sekunden entstehen und sofort bearbeitet werden können, bietet die analoge Fotografie einen bewussten Gegenpol. Für mich ist sie mehr als ein technischer Vorgang. Sie verbindet Zeit, Licht und chemische Prozesse zu einem fast schon entschleunigten Gefühl. Vom Moment des Auslösens der Kamera bis zur fertigen Entwicklung, verlangt Geduld und Präzision. Dabei passe ich mich den chemischen Abläufen und den verwendeten Geräten an. Gerade diese Unvorhersehbarkeit macht jedes Bild einzigartig. Die Haptik der Materialien, das sorgfältige Messen des Lichts und die bewusste Wahl des richtigen Moments schärfen meinen Blick für Details und lassen mich meine Umgebung immer wieder neu wahrnehmen. In diesem Projekt wollte ich mich deshalb intensiver mit der Bildentwicklung auseinandersetzen und den kreativen Prozess hinter dem fertigen Foto vertiefen.

Ideen & Inspiration

Meine ersten Schritte bestanden darin, Inspiration für mögliche Fotomotive zu sammeln. Dazu erstellte ich mehrere Moodboards, die mir dabei halfen, eine gestalterische Richtung für mein Projekt zu entwickeln. Gleichzeitig eignete ich mir das notwendige Grundwissen zur Film- und Bildentwicklung an. Ich recherchierte, wie Filme entwickelt und anschliessend in der Dunkelkammer auf Fotopapier vergrössert werden. Diese Recherche erwies sich als ein regelrechtes „Rabbit Hole“, in das ich viele Stunden investierte. Durch Anleitungen, Erfahrungsberichte und Tipps auf YouTube, Reddit und in verschiedenen Fotoforen konnte ich mir eine fundierte Wissensbasis aufbauen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich kaum Vorkenntnisse im Bereich der Dunkelkammerarbeit. Lediglich mit der Entwicklung von Filmen hatte ich bereits erste Erfahrungen gesammelt. Um überhaupt im Fotolabor der HKB arbeiten zu dürfen, musste ich einen halbtägigen Einführungskurs absolvieren. Dort wurde mir der gesamte Ablauf der Bildentwicklung erklärt und ich lernte die wichtigsten Regeln und Sicherheitsvorschriften kennen. Dadurch war die erste Phase meines Projekts vor allem von theoretischer Vorbereitung geprägt.

Erste praktische Erfahrung

Im nächsten Schritt begann die praktische Umsetzung. Zunächst stellte ich das benötigte Material zusammen. Dazu gehörten Filme, Fotopapier und die notwendigen Chemikalien. Dabei stellte ich schnell fest, dass analoges Fotomaterial kostspielig sein kann und es nicht immer einfach ist, preisgünstige Alternativen zu finden. Für meine ersten Versuche verwendete ich einen abgelaufenen Film, den ich noch zu Hause hatte. Diesen fotografierte ich vollständig aus und entwickelte ihn anschliessend, um mit den Abzügen experimentieren zu können. Die ersten Stunden in der Dunkelkammer waren allerdings deutlich schwieriger als erwartet. Mehrmals stand ich kurz davor, die Geduld zu verlieren. Nach der Entwicklung waren einige Bilder komplett schwarz, und da ich alleine arbeitete, war niemand vor Ort, der mir direkt helfen konnte. Dank weiterer Recherchen in Fotoforen gelang es mir jedoch, die Ursache des Problems zu finden und schliesslich zu beheben.

Motivsuche

Nach dieser Testphase begann ich mit den neu gekauften Filmen und meiner Ricoh KR-5 Super II gezielt nach Motiven zu suchen. Dabei wollte ich möglichst unterschiedliche Stimmungen und Umgebungen festhalten. Neben ruhigen Naturaufnahmen interessierten mich auch Szenen des städtischen Lebens. Besonders die Street Photography stellte für mich eine neue und ungewohnte Erfahrung dar. Menschen im öffentlichen Raum zu fotografieren kostete mich anfangs viel Überwindung, doch mit der Zeit gewann ich zunehmend an Sicherheit.

In der Dunkelkammer

Den grössten Teil meines Projekts verbrachte ich schliesslich im Fotolabor. Über mehrere Tage hinweg entwickelte ich Filme und fertigte zahlreiche Abzüge an. Dabei wurde mir bewusst, wie anspruchsvoll es sein kann, ein Bild mit der gewünschten Wirkung zu erhalten. Häufig stimmte die Belichtungszeit nicht exakt: Manche Bereiche waren zu hell, andere wiederum zu dunkel. Deshalb musste ich bei den nächsten Versuchen Anpassungen vornehmen und bestimmte Bildpartien durch Abwedeln gezielt beeinflussen. Besonders anspruchsvoll erwies sich die Arbeit mit Farbfilm. Während bei Schwarz-Weiss-Aufnahmen vor allem Helligkeitswerte und Graustufen entscheidend sind, spielt bei Farbbildern zusätzlich das Zusammenspiel der verschiedenen Farbtöne eine wichtige Rolle. Dadurch wurde der Entwicklungsprozess noch komplexer und verlangte ein hohes Mass an Präzision. Da jedes Negativ unterschiedliche Eigenschaften aufwies, gab es keine allgemeingültigen Einstellungen. Stattdessen war jeder Abzug ein individueller Prozess aus Beobachten, Ausprobieren und Anpassen. Nach zahlreichen Fehlversuchen und ersten Erfolgserlebnissen entwickelte ich allmählich ein Gefühl dafür, welche Belichtungszeiten zu den jeweiligen Negativen passten. Dadurch konnte ich auch beginnen, mit kreativen Techniken zu experimentieren. Besonders spannend fand ich Doppelbelichtungen. Dabei belichtete ich dasselbe Fotopapier nacheinander mit zwei unterschiedlichen Negativen, bevor es in die Chemikalien gelegt wurde. So entstanden Bilder, die auf digitalem Weg zwar ebenfalls möglich wären, in der Dunkelkammer jedoch ihren eigenen Charakter erhalten.

Erkenntnisse und Ergebnisse

Der gesamte Arbeitsprozess von der Bildkomposition über die Entwicklung bis hin zum fertigen Abzug war kreativ, technisch anspruchsvoll und gleichzeitig sehr lehrreich. Ich lernte viel über Licht, chemische Prozesse und die Bedeutung von Geduld. Anschliessend digitalisierte ich meine fertigen Abzüge mit einem geeigneten Fotoscanner, kein Druckerscanner.  Auch dieser Schritt erforderte Zeit, da der Scanvorgang deutlich langsamer verlief, als ich es aus dem digitalen Alltag gewohnt bin. Im letzten Schritt habe ich eine Bildauswahl getroffen, was mehr Zeit in Anspruch nahm als gedacht.  

https://www.digezz.ch/app/uploads/2026/06/Dokumentation_Kartei_SW-1.pdf

(mbi)

Reflexion & Fazit

Mit meinem Projekt wollte ich mich intensiv mit der analogen Fotografie auseinandersetzen und die Bildentwicklung selbst erlernen. Einen Teil meiner Erfahrungen und Ergebnisse habe ich deshalb in Form von Karteikarten dokumentiert. Diese verbinden den analogen Charakter des Projekts mit den verschiedenen Arbeitsschritten, der Suche nach der richtigen Belichtung und den dabei gewonnenen Erkenntnissen. Die übrigen Bilder sollen für sich selbst sprechen und einfach betrachtet und genossen werden.