EI AM SEE 2.0 – Ein Kollektiv entsteht

Im November 2024 gründete ich gemeinsam mit fünf Freund:innen ein Kollektiv am Kulturort Egelsee in Bern. Die Idee war so simpel wie ehrgeizig: die bestehenden Galerieräume am Egelsee aktiver zu nutzen und einen offenen, niederschwelligen Ort für Kunst, Begegnung und Austausch zu schaffen. Einen Raum, der lokale Kunstschaffende unterstützt, die noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen und oft weder Ausstellungserfahrung noch finanzielle Mittel mitbringen.

Was im November als Idee begann, war zunächst vor allem konzeptionelle Arbeit. In regelmässigen, meist mehrstündigen Sitzungen haben wir als Gruppe grundlegende Fragen geklärt: Wer sind wir? Welche Werte verbinden uns? Wen wollen wir ansprechen und wie? Da bei uns alle Stimmen gleich gewichtet sind und Entscheidungen im Konsens getroffen werden, brauchen Diskussionen Zeit. Das verlangsamt manchmal den Prozess, führt aber zu Ergebnissen, hinter denen wirklich alle stehen. Nachdem wir uns auf ein gemeinsames Konzept geeinigt hatten, entschieden wir uns, einfach loszulegen. Learning by doing. Rückblickend war das die richtige Entscheidung: Wir lernten schnell und direkt am realen Projekt. Probleme lösten wir unterwegs, denn auf vieles hätten wir uns im Voraus sowieso nicht vorbereiten können.

Unser grösster Meilenstein war die Konzeption und Durchführung unserer ersten Ausstellung ANYTHING, ALMOST EVERYTHING, EVERYONE, die am 24. April 2026 mit einer Vernissage eröffnete. Der Prozess dahin war aufwändig, zeitintensiv und zog sich über mehrere Monate, mit zahlreichen Aufgaben, die parallel liefen und stetig mehr wurden.

Zunächst erarbeiteten wir einen Open Call: Wen sprechen wir an, was können wir bieten und wie formulieren wir den Aufruf so, dass er professionell, aber nicht abschreckend wirkt? Die visuelle Gestaltung übernahm ich in enger Absprache mit dem Kollektiv. Was dabei nach aussen als einzelnes Element erscheint, ist intern das Ergebnis mehrerer Entwurfsrunden, gemeinsamer Besprechungen und dem Verwerfen von Ideen, die nicht funktionierten. Das gilt für den Open Call genauso wie für jeden weiteren Inhalt, den wir veröffentlichten. Über Instagram, Mailverteiler und persönliche Netzwerke verbreiteten wir den Aufruf und erhielten rund zwanzig Einsendungen. Auch der Auswahlprozess war aufwändig: Wir mussten beurteilen, wie und welche Arbeiten zusammenpassen, ob sie sich in unseren Räumen realisieren lassen, und dabei sehr unterschiedliche Perspektiven unter einen Hut bringen. Am Ende entschieden wir uns für zehn Positionen, die wir als vielfältig, neuartig und ausdrucksstark wahrnahmen.

Parallel dazu lief die Kommunikationsarbeit, die über den gesamten Projektzeitraum einen erheblichen Teil meiner Zeit beanspruchte. Angefangen beim Ausstellungsplakat, das ich in acht Versionen entwickelte, bis hin zur laufenden Bespielung des Instagram-Accounts: Jeder Schritt im Prozess wurde von mir begleitet, fotografisch festgehalten und aufbereitet. Hinter jedem Post steckt mehr als das Sichtbare: Konzept, Aufnahme, Schnitt oder Gestaltung, Text, und anschliessend die Abstimmung im Kollektiv, bevor etwas veröffentlicht wurde. Insgesamt entstanden 14 Feed-Beiträge, neun davon eigenständig von mir produziert, dazu kontinuierlich Story-Posts, die den Prozess von der Planung bis zum Abbau dokumentierten. Alle Inhalte sind auf unserem Instagram-Account zu finden: https://www.instagram.com/ei_am_see/ — die verschiedenen Plakatversionen sind in der Galerie zu sehen.

Das bedeutete in der Praxis, dass ich nicht nur bei fast allen Entscheidungsprozessen präsent war, sondern den gesamten Prozess über immer wieder Zeit investierte, um Material zu sichern, aufzubereiten und zu veröffentlichen.

Dazu kamen externe Abklärungen und Treffen, die sich ebenfalls durch den gesamten Projektverlauf zogen. Wir trafen uns mit dem Vorstand des Vereins am See, der für den Kulturort Egelsee verantwortlich ist, und besprachen dabei Fragen zur Raumnutzung sowie zur finanziellen Absicherung des Kollektivs. Wir organisierten ein Treffen mit allen teilnehmenden Künstler:innen, an dem wir gemeinsam die wichtigsten Fragen zu Hängung, Technik und Ablauf klärten. Für die Präsentation von Kurzfilmen einer Künstlerin standen wir ausserdem in Kontakt mit der HKB, von der wir zusätzliches Material nutzen durften, und liehen Beamer, Mediaplayer und Boxen der HKB aus. Da die Ausleihdauer die reguläre Frist überstieg, musste ich ein Sondergesuch einreichen, das bewilligt wurde. Solche Momente, in denen eine eigentlich simple Aufgabe plötzlich einen formellen Umweg erfordert, sind exemplarisch für vieles in diesem Projekt: Der Aufwand steckt oft nicht im Offensichtlichen, sondern in den vielen Abklärungen, die sich im Hintergrund summieren. Den Abschluss der Vorbereitungsphase bildete der Aufbau der Ausstellung, der fast zwei ganze Tage in Anspruch nahm.

Die Vernissage selbst war ein schöner Abschluss dieser intensiven Vorbereitungsphase: Rund achtzig Gäste besuchten den Abend. Viele davon kamen aus unserem persönlichen Umfeld, aber die Zahl zeigt trotzdem, dass das Projekt wahrgenommen wird. Für die Dokumentation hatten wir einen Fotografen vor Ort, dessen Bilder wir anschliessend für den Instagram-Account nutzen konnten. Sie sind uns wichtig, nicht nur als Erinnerung, sondern auch als Beleg dafür, dass wir etwas auf die Beine gestellt haben, das funktioniert. Die Ausstellung lief danach noch zehn Tage, wurde von weiteren Gästen besucht und dann abgebaut.

Das Kollektiv ist mit ANYTHING, ALMOST EVERYTHING, EVERYONE offiziell gestartet, aber es ist bei weitem nicht das Ende. Wir planen bereits die nächste Vernissage und haben weitere Ideen in der Schublade, über die wir noch nichts verraten. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, findet uns auf Instagram: https://www.instagram.com/ei_am_see/

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die finanzielle Absicherung des Kollektivs: Ich habe bereits einen ersten Entwurf für ein Fördergesuch formuliert, der intern weiterentwickelt wird. Das Ziel ist, das, was wir begonnen haben, langfristig weiterzuführen.

(mbi)

Die Arbeit am Kollektiv war sehr zeitintensiv. Es gab kaum eine Phase, in der man einfach abschalten konnte: Immer stand der nächste Schritt an, musste noch etwas abgeklärt, organisiert oder produziert werden. Ein weiteres Video, eine weitere Story, eine neue Plakatversion. Diese Gleichzeitigkeit vieler kleiner und grösserer Aufgaben war manchmal etwas anstrengend, hat mich aber auch gelehrt, Prioritäten zu setzen und strukturiert zu arbeiten.

Besonders zeitaufwändig war der Kontakt mit verschiedensten Personen und Institutionen. Ob Künstler:innen, die HKB oder der Verein am See, der für den Kulturort Egelsee verantwortlich ist. Es gibt immer mehr zu koordinieren, als man zunächst erwartet. Viele dieser Abklärungen fallen einem erst auf, wenn man mittendrin steckt, und kosten dann oft viel Zeit. Das war manchmal etwas mühsam, hat uns als Kollektiv aber insgesamt sehr viel gelehrt, nämlich wie man mit unterschiedlichen Ansprechpersonen umgeht, wie man Anfragen stellt und wie man auch dann verbindlich kommuniziert, wenn noch nicht alles geklärt ist.

Die kollektive Entscheidungsfindung bleibt eine Herausforderung, hat sich aber deutlich eingespielt. Zu Beginn waren unsere Sitzungen oft lang und zäh, weil wir noch keine klare Struktur hatten. Mittlerweile haben wir eine Sitzungskultur entwickelt, die funktioniert: Wir kommen schneller zu Entscheidungen, ohne dass einzelne Stimmen dabei untergehen. Wir haben uns als Gruppe aneinander gewöhnt, wissen wie die anderen ticken und können Diskussionen effizienter führen. Das ist etwas, das man nicht planen kann, sondern das einfach mit der Zeit entsteht.

Und genau das ist vielleicht das Schönste an diesem Projekt: Wir sind als Kollektiv zusammengewachsen. Wir haben gemeinsam viele Ideen diskutiert, abgewogen und umgesetzt, und am Ende stand wirklich eine Vernissage, die von echten Menschen besucht wurde. Dass das unser erstes gemeinsames Projekt war, macht uns umso stolzer.

Für mich persönlich war besonders wertvoll, dass ich mich kreativ ausleben durfte. Die gestalterische Arbeit, ob Plakat, Open Call, Reels oder der gesamte visuelle Auftritt, hat mir sehr viel Freude bereitet. Ich konnte dabei direkt anwenden, was ich im Studium lerne, und gleichzeitig in der Realität testen, was funktioniert und was nicht. Dieser Praxisbezug ist für mich einer der grössten Gewinne des Projekts. Und weil das so ist, wollen wir unbedingt weitermachen. Die Energie, die wir in dieses erste Projekt gesteckt haben, hat gezeigt, dass es sich lohnt.