30 Tage TikTok – Ein Selbstexperiment
Ich verbringe viel zu viel Zeit auf TikTok und schon länger wollte ich wissen, was eigentlich passiert, wenn ich die Plattform nicht nur konsumiere, sondern wirklich aktiv bespiele. Also habe ich mir ein klares Ziel gesetzt: 30 Tage lang jeden Tag ein TikTok posten, ohne Ausnahme.
Konzept und Zielsetzung
Das Projekt war bewusst als persönliches Experiment angelegt. Mein Ziel war nicht, eine bestimmte Content-Strategie zu verfolgen, sondern möglichst viele verschiedene Formate auszuprobieren und herauszufinden, welche Inhalte auf TikTok funktionieren.
Dabei testete ich unter anderem:
- Vlogs mit Off-Voice-Kommentar
- «Mood Videos» mit einem passenden Sound
- Tanzvideos aus dem Training
- Aktuelle Trends
- Gesprochene Realtalks direkt in die Kamera
- POV-Videos
- Inspirierende und motivierende Inhalte
- Politische und gesellschaftliche Themen
- Bild-Slides
Besonders interessant war für mich die Frage, ob sich durch regelmässiges Posten messbare Veränderungen bei Reichweite, Interaktionen und Follower-Wachstum feststellen lassen.




Mein TikTok Account
Produktion und Umsetzung
Die Produktion erfolgte bewusst mit möglichst wenig technischem Aufwand. Ich wollte den Content alltagsnah und authentisch gestalten, anstatt auf ein perfektes Studio-Setup zu setzen. Das kommt erfahrungsgemäss auf TikTok auch am besten an.
Je nach Format investierte ich zwischen 30 Minuten und zwei Stunden pro Video. Ein grosser Teil der Postproduktion mit CapCut entstand unterwegs, beispielsweise während Zugfahrten. Dadurch lernte ich, effizienter zu arbeiten und Inhalte auch mit begrenzter Zeit umzusetzen.
Nicht an jedem Tag hatte ich eine neue Idee. Deshalb griff ich teilweise auf sogenannte Backup-Videos zurück, also Konzepte und Ideen, die ich schon länger umsetzen wollte, aber bisher nie realisiert hatte. Die grösste Herausforderung war nicht die technische Umsetzung, sondern jeden Tag eine neue Idee zu finden und diese trotz Alltag, Schule und anderen Verpflichtungen umzusetzen. Trotz grobem Content Plan, habe ich mich nur selten daran gehalten. Nicht nur weil es schwierig war es in meinen Alltag zu integrieren sonder auch, weil mir spontan Ideen kamen und man gerade auf TikTok auch ziemlich schnell auf Trends aufsteigen sollte. Solche Videos kann man nicht gut voraus planen.
Sprache als bewusste Entscheidung: Den Grossteil meines Contents habe ich auf Schweizerdeutsch produziert weil ich selbst am liebsten schweizerdeutschen Content konsumiere und weil diese Sprache Nähe und Authentizität schafft. Das spiegelte sich auch in der Reichweite wider: Fast alle Views kamen aus der Schweiz. Einzelne Formate wie Trends oder POV-Videos habe ich bewusst auf Englisch umgesetzt, wenn ich eine breitere, internationale Zielgruppe erreichen wollte.
Erkenntnisse
Im Verlauf des Projekts konnte ich verschiedene Beobachtungen machen:
Reichweite: Die Zahlen haben mich ehrlich gesagt selbst überrascht. Mit rund 460 Followern zu Beginn hätte ich nicht erwartet, dass in einem Monat 72’000 Views, 35’000 Viewer und über 500 Kommentare zusammenkommen. Zwei Videos sind dabei klar herausgestochen: das Video zum Thema Blackfacing an der Fasnacht mit 18K Views und jenes zur Halbierungsinitiative mit 12K. Beide haben viele Kommentare ausgelöst und ich glaube, genau das hat den Algorithmus angetrieben.
Follower-Wachstum: 100 neue Follower bei 35’000 Viewern klingt erstmal wenig. Aber ich kann es mir erklären: Viele Leute sind wahrscheinlich über ein einzelnes Video gestolpert, das sie angesprochen hat, kannten aber den Rest meines Profils gar nicht. Wer nur wegen einem Beitrag kommt, folgt nicht unbedingt gleich. Das ist typisch TikTok
Posting-Zeitpunkt: Der Zeitpunkt des Postens hatte kaum messbaren Einfluss auf die Reichweite. Ob ich morgens, mittags oder abends zwischen 16 und 22 Uhr postete, die Zahlen blieben ähnlich.
Zielgruppe: 67% meiner Viewer waren weiblich. Bei den Followern sind es 53%. Männer schauen also öfter, ohne zu folgen. Und 86.7% meines Traffics kam über die «For You»-Page, nicht über Leute, die mir bereits folgen. Das bedeutet: Ich lebe fast komplett vom Algorithmus. Das kann schnell viel bringen, aber wenn kein Video zieht, merkt man das genauso schnell.
Themen und Formate: Politische und kontroverse Themen haben klar am besten abgeschnitten. Auch Videos, bei denen ich über mich selbst lache oder bei denen etwas nicht nach Plan läuft, kamen gut an. Was mich überrascht hat: Bild-Slides wurden nicht merklich weniger ausgespielt als normale Videos. Das hatte ich nicht erwartet.
(mbi)
Reflexion
Das Projekt hat mir gezeigt, dass die grösste Hürde oft nicht die technische Umsetzung ist, sondern die eigene Hemmung vor dem Veröffentlichen. Durch das tägliche Posten wurde der Prozess schnell zur Routine und die Angst vor Bewertungen oder negativen Reaktionen nahm deutlich ab.
Gleichzeitig entstand während des Projekts ein Spannungsfeld zwischen Reichweite und persönlicher Privatsphäre. Einerseits möchte man Inhalte veröffentlichen, die Aufmerksamkeit erzeugen. Andererseits wurde mir immer bewusster, dass nicht jeder Gedanke oder jede Erfahrung dauerhaft im Internet festgehalten werden muss.
Rückblickend bin ich stolz, das Experiment konsequent durchgezogen zu haben. Neben den konkreten Zahlen konnte ich vor allem viel über Content-Erstellung, Social-Media-Strategien und das Verhalten von Nutzerinnen und Nutzern auf TikTok lernen. Besonders freut mich, dass das Experiment nicht nach 30 Tagen geendet hat. Ich versuche auch heute noch, so regelmässig wie möglich auf TikTok zu posten. Zwar schaffe ich es nicht mehr jeden Tag, doch meine Zahlen entwickeln sich trotzdem weiter nach oben. Das motiviert mich, dranzubleiben und zeigt mir, dass sich kontinuierliches Posten langfristig auszahlen kann.
Fazit
Das Experiment hat gezeigt, wie viel Potenzial regelmässiges und konsequentes Posten auf TikTok haben kann. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Authentizität und Kontinuität oft wichtiger sind als aufwendige Produktionen.
Insgesamt bin ich mit dem Projekt sehr zufrieden und konnte wertvolle Erfahrungen sammeln, die ich auch für zukünftige Social-Media-Projekte nutzen kann.