Die scheiss Sandwiches – Ein Hörstück
Ein Hörstück zwischen kulinarischem Tiefpunkt und kreativem Höhepunkt. Guten Appetit!
Vor vier Jahren haben wir uns am SonOhr Festival kennengelernt – dem Radio- und Podcastfestival in Bern, bei dem sich Radio- und Audioschaffende aus der Welt treffen. Wir moderieren dort beide das Festivalsradio, das bei verschiedenen Radios in der Schweiz übertragen wird.
Eigentlich ist alles super: spannende Gespräche, Begegnungen und interessanter Austausch mit Menschen, die die gleiche Leidenschaft haben wie wir.
Bei der ganzen Sache gibt es aber ein Problem.
Die Sandwiches.
Jedes Jahr gibt es genau die gleichen und mittlerweile gehören sie zum Festival wie Mikrofone und Kopfhörer – und sie sind jedes Jahr wieder erstaunlich schlecht. Trockenes Brot, fragwürdige Füllungen (wer tut aber auch Rüeblisalat in ein Sandwich??!) und eine Konsistenz, die irgendwo zwischen «seit gestern am rumliegen» und «akustisch interessant, kulinarisch schwierig» liegt. Vier Jahre lang haben wir das mehr oder weniger schweigend hingenommen.
Bis dieses Jahr.
Im Februar traf sich die Schweizer Radioszene wieder in Bern. Hörstücke, Diskussionen, Audiowalks, Performances und natürlich: die Sandwiches. Irgendwann wurde uns klar: Der Ernst der Lage ist zu gross, um ihn weiter zu ignorieren.
Also beschlossen wir zu handeln. Auf die einzige Art, die für zwei Radiomachende wirklich Sinn ergibt: Wir machen ein Hörstück darüber.
Eine akustische Untersuchung.
Eine kulinarische Spurensuche.
Eine journalistische Intervention im Namen aller Radiomacher*innen mit funktionierenden Geschmacksnerven.
Und weil das SonOhr Festival auch einen Wettbewerb für Hörstücke veranstaltet, lag die Lösung auf der Hand: Wir reichen es dort ein.
Ein Hörstück über die wahrscheinlich berüchtigtsten Sandwiches der Schweizer Radiolandschaft.
Kulinarischer Tiefpunkt, kreativer Höhepunkt
Die Idee für dieses Hörstück entstand auf der Rückreise nach Chur, während wir am letzten – leider wieder sehr enttäuschenden – Sandwich des Festivals kauten. Mitten im Frust kam der Geistesblitz: «Hat jemand ein Aufnahmegerät dabei?» Unter Audioschaffenden war das Equipment natürlich griffbereit. Wir starteten direkt die ersten Aufnahmen und interviewten Ale und Laura, die beide seit den Anfängen des Festivalradios mit an Bord sind.

Noch während der Zugfahrt ging es an die weitere Arbeit: Wir transkribierten die Gespräche und erstellten ein Miro-Board mit einer Zeitleiste. Die lustigsten Aussagen landeten als Post-its in der Timeline, ergänzt durch Kontext-Texte und Ideen für Soundeffekte oder Zwischenstücke. Das Ergebnis dieser produktiven Heimreise ist die folgende Timeline:

Direkt am Abend begannen wir auch mit der Aufnahme der Audioeffekte. Dafür durchstöberten wir unsere WG und benutzen alles was wir finden konnten.
Auch der singende Mann vor unserem Fenster hatte einen Gastauftritt.

Im nächsten Schritt begaben wir uns ins Radiostudio und nahmen die Zwischenstücke und kurzen Moderationen auf.

Weiter ging es dann mit Schnitt und Finalisierung des Hörstücks.
Der Schnitt war der Moment, in dem aus sehr vielen fragwürdigen Audioaufnahmen langsam tatsächlich ein Hörstück wurde. Zuerst sortierten und beschrifteten wir alle Files sauber, damit wir im absoluten Sandwich-Chaos überhaupt noch irgendetwas fanden. Als Orientierung diente uns unser Miro-Board, das mittlerweile aussah wie die Ermittlungswand in einem Krimi – nur halt mit trockenen Sandwiches statt ungelösten Mordfällen.
Danach hat der eigentliche Schnitt angefangen. Aussagen wurden gekürzt, neu angeordnet und mit Geräuschen ergänzt, die teilweise erstaunlich ekelhaft klangen. Immer wieder sassen wir vor der Timeline und fragten uns: «Ist das noch Kunst oder einfach kompletter Blödsinn?» Genau darin lag aber auch die grösste Herausforderung. Das Hörstück sollte lustig, absurd und leicht überdramatisch sein – aber trotzdem nicht wirken, als hätten wir einfach nur irgendwelche random Geräusche übereinandergelegt.
Vor allem das Timing war wichtig. Wir haben ständig Szenen verschoben, Übergänge angepasst und einzelne Stellen zehnmal neu gehört, bis die Mischung aus kulinarischer Katastrophe und akustischer Hochkultur irgendwie funktionierte.
Also: Kopfhörer auf, Geschmacksknospen ausschalten und macht euch bereit für das wahrscheinlich ambitionierteste Hörstück über DIE SCHEISS SANDWICHES!!!!
(mmi)
Seitdem wir uns vor vier Jahren beim SonOhr Festival kennengelernt haben, fing irgendwann zuerst Jule damit an Multimedia Production in Chur zu studieren, später zog Anastasia nach – mittlerweile wohnen wir sogar zusammen in einer WG. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis wir zusammen ein Audioprojekt als Digezz gestartet haben.
Der kreative Prozess begann eigentlich schon direkt auf der ersten Zugfahrt zurück nach Chur. Weil uns die Interviews und Gespräche noch komplett frisch im Kopf waren, konnten wir sofort die besten Aussagen sammeln und sortieren. Während andere vermutlich einfach ihr Festivalwochenende verdauten, eskalierte bei uns langsam ein immer grösser werdendes Miro-Board voller Post-its, Zitate und komplett übertriebener Audio-Ideen. Genau dort entstand auch die Dramaturgie des Hörstücks – noch bevor überhaupt richtig geschnitten wurde. Das hat den späteren Schnitt enorm beschleunigt, weil wir bereits eine klare Struktur hatten und wussten, welche Momente funktionieren.
Irgendwann gab es definitiv auch den Punkt, an dem wir kurz innehalten mussten und uns fragten, ob das noch ein legitimes Kunstprojekt oder einfach kompletter Wahnsinn ist. Spätestens als wir mitten in der WG sämtliche möglichen Geräusche aufnahmen und Folie, den singenden Mann vor dem Fenster und Wasser-Schluckgeräusche plötzlich wie ein wichtiges dramaturgisches Stilmittel behandelten, war klar: Das Projekt hat ein gewisses Eigenleben entwickelt.
Die Soundeffekte entstanden alle von uns selbst. Alles, was irgendwie Geräusche machte, wurde ausprobiert, aufgenommen und zweckentfremdet. Dadurch bekam das Hörstück genau diese leicht absurde und überdramatisierte Stimmung, die wir wollten. Denn auch wenn vieles bewusst überspitzt inszeniert ist: Die Sandwiches sind tatsächlich abnormal schlecht.
Ausserdem haben wir während des Projekts gelernt, was die Mehrzahl von Kapitalismus ist. Und ihr lernt es auch, wenn ihr euch das Hörstück anhört.
Trotz allem absurden Humor sahen wir das Projekt aber nie einfach nur als Joke. Unser Ziel war von Anfang an, ein künstlerisches Hörstück zu produzieren, mit dem wir uns tatsächlich beim SonOhr-Wettbewerb bewerben wollen. Gerade deshalb war die Struktur hinter dem Chaos extrem wichtig. Das grösste Learning aus dem Projekt: Gute Organisation vor dem Schnitt spart unfassbar viele Nerven. Saubere Ordnerstrukturen und verständliche Dateinamen sind vielleicht nicht glamourös, verhindern aber, dass man nachts um zwei verzweifelt nach den Kaugeräuschen in einer Datei namens „ZOOM6769_TrLR.WAV“ suchen muss.