Die Grenzen der Animation, erprobt an einer Grenze
Eine Geschichte ohne Bilder
Zwischen 1861 und den 1970er-Jahren gehörte der Schmuggel an der schweizerisch-italienischen Grenze für ganze Talschaften zum Alltag. Schmuggelware wanderten über die Pässe, in beide Richtungen, je nachdem, wo gerade welches Preisgefälle herrschte. Wer diese Geschichte heute erzählen will, steht vor einem Problem: Es gibt kaum Bilder davon. Wer schmuggelt, lässt sich nicht fotografieren.
Genau hier wird Animation journalistisch interessant. Sie kann zeigen, was nicht dokumentiert ist, ohne den Anspruch aufzugeben, dass das Gezeigte belegbar bleibt. Auf YouTube haben Kanäle wie Simplicissimus, Veritasium oder Zoufry daraus ein Format entwickelt. Was fehlt, ist eine systematische Auseinandersetzung damit, was animierte Darstellung tatsächlich leistet und wo sie an Grenzen stösst. Meine Bachelorarbeit setzt hier an, mein Lehrprojekt übersetzt die Frage in einen Film.
Thesis: Animation im Journalismus
Die Arbeit trägt den Titel «Animation im Journalismus: Darstellungspotenziale und Einsatzgrenzen für non-fiktionale Inhalte» und kombiniert zwei Zugänge. Eine inhaltlich strukturierende Inhaltsanalyse nach Mayring kodiert je ein Video der Kanäle Simplicissimus, Veritasium und Zoufry anhand eines Kategoriensystems mit fünf Hauptkategorien, ergänzt um filmanalytische Werkzeuge nach Mikos. Dazu kommen zwei leitfadengestützte Experteninterviews mit Produktionsverantwortlichen, die offenlegen, welche Überlegungen hinter den gestalterischen Entscheidungen stehen. Beide Stränge werden in einer Triangulation nach Flick zusammengeführt, nicht zur gegenseitigen Bestätigung, sondern um dasselbe Phänomen aus zwei Perspektiven zu beschreiben.
Drei Modelle statt einer Funktion
Das zentrale Ergebnis: Animation erfüllt im non-fiktionalen Journalismus keine einheitliche Funktion. Sie bedient drei strukturell unterschiedliche Modelle, ein erklärendes, ein ästhetisch-dramaturgisches und ein rekonstruktives. Welche Technik zum Einsatz kommt, folgt dieser Funktion. 3D dient eher der Rekonstruktion und Dramatisierung, 2D und Motion Graphics eher der Erklärung.
Der für mich wichtigste Befund betrifft die Glaubwürdigkeit. Sie ist keine Eigenschaft der Animation, sondern entsteht als redaktionelle Praxis: durch Kennzeichnung, durch Quellenarbeit, durch die Entscheidung, wann eine Rekonstruktion als solche erkennbar gemacht wird. Deutlich wurde ausserdem, wie stark produktionsökonomische Rahmenbedingungen die Gestaltung prägen, ein Faktor, den die Theorie bislang unterschätzt.
Das Lehrprojekt: «Auf den Spuren der Schmugglerpfade»
Parallel zur Thesis entstand der animierte Dokumentarfilm «Auf den Spuren der Schmugglerpfade», eine Koproduktion mit der SRG SSR im Rahmen des Pacte de l’audiovisuel. Er erzählt den Schmuggel über drei Generationen einer Familie, vom Grossvater um 1900 über den Sohn in den 1940er-Jahren bis zum Enkel in den 1970er-Jahren, als die Abwertung der Lira dem Schmuggel die wirtschaftliche Grundlage entzog.
Jede Generation hat ihre eigene visuelle Handschrift: ein an Zeichnungen angelehnter Stil für die Jahrhundertwende, harte Wochenschaukontraste für die Kriegsjahre, warme Super-8-Töne für die 1970er. Die Rahmenhandlung wechselt sich mit erklärenden Teilen ab, die den historischen Kontext liefern, von der Ausrüstung der Schmugglerinnen und Schmuggler bis zum Signalwesen in den Dörfern. Diese Trennung geht direkt auf die Befunde der Thesis zurück: Wo rekonstruiert wird, soll erkennbar sein, dass rekonstruiert wird. Umgesetzt wurde der Film mit der Animationssoftware Blender.
Was ich mitnehme
Animation ist kein Stilmittel, das man einem Thema überstülpt, sondern eine Entscheidung, die sich begründen lassen muss, funktional, gestalterisch und journalistisch. Produktiv war vor allem, dass sich Forschung und Film gegenseitig korrigiert haben. Kategorien, die ich in fremden Videos beschrieb, musste ich in der eigenen Produktion verteidigen, und Probleme am Schnittplatz schärften den Blick auf das analysierte Material.