Wieso online?

Seit 2003 spricht man vom Web 2.0. Der Internetnutzer wurde vom Consumer zum Prosumer – also einer Mischung aus Konsument (Consumer) und Produzent (Producer). Das heisst, dass er sich nicht nur Inhalte reinzieht, sondern auch kommentiert und bewertet. Eigentlich eine tolle Sache. Journalisten erfahren sofort, ob sie mit ihrem Beitrag den Nerv der Leser getroffen haben, und die Nachwuchsmusiker zählen aufgeregt die Likes ihres neuen Musikvideos auf YouTube und laben sich an den begeisterten Comments ihrer Fans.

Die Kommentiererei hat aber auch seine Schattenseiten. Die Möglichkeit, zu fast allem seine Meinung kundzutun, bekommt nicht allen Usern des World Wide Web gleich gut. Gewisse Leute verlieren online sehr schnell ihre guten Manieren und schreiben Kommentare, deren Niveau man getrost als unterirdisch bezeichnen kann. Besonders gerne machen sie das Ganze anonym. Dass sie damit grossen Schaden anrichten können, ist ihnen meist gar nicht bewusst oder schlicht egal. Im Gegensatz zu Konflikten im realen Leben, kann man sich im Netz der Kritik oder der Gegenwehr ganz einfach entziehen, indem man den Chatroom verlässt oder offline geht.

Fakt ist aber, dass kaum jemand auf diese Art und Weise im realen Leben mit seinen Mitmenschen kommunizieren würde. Dann bleibt jedoch die Frage: Warum im Internet? Klar, die Gefahr auf einen frechen Kommentar einen Faustschlag zu kassieren, tendiert gegen null. Doch ist das der einzige Grund für die Flut an Gemeinheiten?

Diese Frage können wir an dieser Stelle leider nicht beantworten. Wie bizarr diese Art von Kommunikation Face to Face wäre, zeigen die folgenden Videos. Die Dialoge basieren auf Kommentaren aus dem Internet oder sind von diesen inspiriert:

(mm)

Kritik
von Fabian Rymann, Sandro Derungs, Tobias Benz und Tobias Luchsinger

Idee

«Fick dich ins Knie, du Hurensohn!»

Sechs Wörter, die man in dieser Reihenfolge schon oft gelesen hat. Im Internet. Gehört hat man sie auch schon, aber deutlich weniger häufig. Es ist kein Geheimniss mehr, dass an bestimmten Orten im Internet sogenannte Keyboard-Warriors ihr Werk tun. Es wird geflucht und gedroht, was das Zeug hält. Das sind aber nicht alles passiv-aggressive Chaoten mit Internetzugang, sondern meistens Menschen, die offline ein zivilisiertes, höfliches «Ich» an den Tag legen. Eine Situtation vergleichbar mit dem Autofahren. Hinter dem Steuer fühlen sich viele stärker und verhalten sich dementsprechend. Beim Internet macht es vermutlich die Anonymität aus.

Wir haben uns gefragt, wie man eine alltägliche Hasspredigt aus dem Internet in der realen Welt wahrnehmen würde. Wie würde das aussehen, wenn sich zwei Fremde aufgrund eines banalen Themas so in die Haare kriegen, dass sie den halben Bus auseinander nehmen? Dazu haben wir recherchiert und das Internet nach den schlimmsten und wüstesten Diskussionen oder Kommentaren abgesucht. Gefunden haben wir einiges, darunter auch drei Schauspieler, die für uns das Internet erlebbar erscheinen lassen.

Vorbereitung

Da es unsere Idee war, Konversationen aus dem Internet in der realen Welt darzustellen, benötigten wir zuerst Konversationen aus dem Internet. Einfacher gesagt als getan. Eigentlich wollten wir die Texte zusammen haben, bevor wir uns grossartig über die Umsetzung Gedanken machten, allerdings war die Beschaffung äusserst schwierig. Beinahe alle modernen Online-Portale filtern heutzutage ihre Kommentarspalten und löschen dabei alles, was sie als suspekt ansehen. Gefunden haben wir daher erstmal nicht viel. Anschliessend haben wir Unternehmen, wie 20 Minuten, Blick etc. angefragt und sie gebeten uns fragwürdige Konversationen für unser Projekt zur Verfügung zu stellen. Und obwohl man denken würde, dass in einer Zeit, wie der heutigen alles irgendwo, irgendwie abgespeichert wird, gingen wir leer aus. Das wäre alles gelöscht, liess man verlauten. Fündig wurden wir schliesslich bei YouTube. Dort sind nämlich fragwürdige Kommentare für jedermann sichtbar. Problematisch nur, dass es auf YouTube zu keinen richtigen Diskussionen zwischen den immerselben Usern kommt und meistens für unser Projekt nur einzelne Stückchen verwendbar waren. Wir mussten also basteln, ein bisschen selber dichten und ein wenig abdriften in die ganz dunklen Ecken des Internets (wo wir auch fündig wurden). Schlussendlich haben wir zwei echte Konversationen verwendet, die tatsächlich so im Internet stattgefunden haben und zwei zusammengeschusterte. Geschätzter Zeitaufwand mal zehn und dann noch etwas obendrauf und wir hatten vier brauchbare Konversationen.

Wesentlich einfacher gestaltete sich die Suche nach unseren Protagonisten. Wir wurden sehr schnell fündig und erhielten drei Zusagen. Leider waren es dann kurz vor Drehbeginn doch nur noch zwei Zusagen, aber da wir mit so etwas gerechnet hatten, sprang jemand aus unserem Team in die Bresche.

Wir entschieden uns für vier verschiedene Schauplätze; ein Zugabteil, eine Bushaltestelle, ein Foyer und eine Herrentoilette. Vier typische Orte an denen man auf fremde Menschen trifft, und vor allem, an denen man fremden Gesprächen ausgesetzt ist. Zudem hatten wir uns noch zwei Ersatzschauplätze abgesichert, im Falle, dass wir aus irgendeinem Grund ausweichen mussten. Wir planten uns zwei Drehtage ein, einer nur mit unserem Team und dem ganzen Equipment, der als Testtag dienen sollte. Wir wollten sehr gut vorbereitet sein, denn für einige von uns war es das erste Mal, dass mit auswärtigen Schauspielern gearbeitet wurde und wir wollten diese nicht verärgern. Deshalb war es für uns sehr wichtig, dass am eigentlichen Drehtag dann alles völlig reibungslos ablaufen würde und sehr professionell wirkte.

Dreh

Alles in allem verlief es ziemlich gut. Wir waren vorbereitet, hatten bereits beide Kameras abgeglichen, einen sehr präzisen Drehplan ausgearbeitet und allgemein gut als Team harmoniert. Den Drehplan gab es in vier verschiedenen Varianten, eine für jede Kameraposition, inklusive Skizzen. Kleinere Probleme gab es noch mit dem Weissabgleich, aber nichts, was wir nicht hätten bewältigen können. Wir holten die Schauspieler in Zürich ab und fuhren sie nach Chur. Dort ging es zuerst an die Szenen im Zugabteil. Dafür hatten wir uns einen Wagen der RhB reserviert. Alles verlief reibungslos, bis auf die Tonaufnahmen. Die äusserst kurvige Strecke zwang den Zug stetig in trommelfellgefährdende Quietschanfälle zu verfallen und das Rütteln und Rattern behinderte die Ansteckmikrophone. Einer der Funkempfänger eines Lavaliers entpuppte sich dann auch ziemlich schnell als unbrauchbar und wir mussten mit der Boompole aushelfen.

Bei den Szenen im Foyer hatten wir fast gar keine Probleme. Die gute Vorbereitung und die Umgebung des A-Gebäudes der HTW, in welchem wir uns natürlich bestens auskennen, waren von grossem Nutzen.

Die Aufnahmen an der Bushaltestelle waren deutlich schwieriger. Wir wählten absichtlich eine der weniger befahrenen Strassen in der Umgebung und mussten dann trotzdem erkennen, dass es wohl fast keine Strasse mit Bushaltestelle gibt, an welcher zwei Minuten lang kein Auto vorbeifährt. Die Aufnahmen waren dementsprechend sehr zeitaufwändig. Der anhaltende Wind störte zudem die Tonaufnahmen erneut und die Kälte zwang eine unserer Kameras in die Knie. Mit Ach und Krach hatten wir schlussendlich dann doch alles im Kasten.

Auf der Herrentoilette war das Filmen dann wieder angenehmer, allerdings beanspruchte es einiges an Zeit und Nerven. Was uns bis dahin nicht bewusst war, der Verdauungsmechanismus des Menschen, in diesem Falle des Mannes, ist einer der effizientesten biochemischen Prozesse unseres Planetens. Es schien uns als wäre in der Zeit unserer Aufnahmen mindestens jeder Mann, der sich im Gebäude aufhielt, etwa viermal auf der Toilette. Ungelogen. Die Toilette für mehrere Stunden absperren konnten wir ja auch nicht.

Schnitt

Wir hatten aufgrund der zwei Kameras, drei Lavaliers und der Tonangel extrem viele Aufnahmen. Das nahm dementsprechend Zeit in Anspruch. Der mittlerweilen zwar oft geübte Teil des Materialsichtens und der Tonsynchronisation war dieses Mal besonders nervenaufreibend. Das hing damit zusammen, dass die Tonspuren beim Zugabteil und bei der Bushaltestelle mehrheitlich unbrauchbar waren. Detailarbeit der Extraklasse war hier gefragt. Bei der Farbbearbeitung kam wieder das Problem mit dem Weisabgleich auf, wir sind aber mit dem Resultat zufrieden.

Fazit

Im Nachinein sind wir sehr froh, dass wir uns einen zweiten Drehtag im Vorhinein gönnten, an welchem wir alles austesten und vorbereiten konnten. Ansonsten wäre der Dreh deutlich weniger flüssig vorangegangen und hätte nicht halb so proffesionell gewirkt. Wir sind durchaus zufrieden, wie wir Aufnahmen an vier verschiedenen Drehorten innerhalb eines Tages zusammentragen konnten. Es war für die meisten von uns das erste Mal, dass wir so ein schnell getaktetes Programm fuhren. Ganz wichtig dabei waren auch unsere vorzüglichen Drehpläne, die das Filmen enorm erleichterten.

Ein Problempunkt bleibt der Ton. Wir hatten uns zwar gerüstet und unter anderem sogar teure Watteaufsätze für unsere Lavaliers gekauft, trotzdem hatten wir unglaubliche Probleme in der Nachbearbeitung. Die Idee eines fahrenden Zuges ist zwar schön und gut, aber wenn es sich dabei nicht um einen geräuschlosen Intercity Neigezug handelt, sondern um eine alte Rostlaube der RhB, dann sitzt man vor einem Problem. Es wird uns für das nächste Mal eine Lehre sein, den Ton beim Location Scouting ein bisschen mehr einzubauen. Ansonsten bleibt nur noch die Möglichkeit den Ton anderenorts aufzunehmen und schön synchronisiert unter die Bilder zu legen, aber wir stehen für natürliche Aufnahmen.

Wo wir auch Zeit hätten Sparen können, war bei der Ausarbeitung der Idee. Hier verschoben wir die Planung immer weiter nach hinten, da die Suche nach passenden Konversationen aus dem Internet immer länger und länger wurde. Schlussendlich kamen wir fast ein wenig unter Zeitdruck mit der Planung des Konzepts, da wir die Drehtage und Schaupsieler bereits endgültig festgelegt hatten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es ein Projekt war, bei dem wir viel Wert auf die Planung gelegt haben und davon sicherlich profitieren konnten. Dennoch nahm es sehr viel Zeit in Kauf, vor allem das Erstellen der Idee. Wir haben aber wieder einiges dazugelernt, vor allem bezüglich Ton, aber wir haben auch gelernt mit externen Schaupsielern umzugehen und diese zu beschäftigen, auch wenn sie gerade nicht gebraucht werden.

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