Gesellschaftliche Zwänge: Weil es sich so gehört

Täglich handeln wir nach gewissen anerkannten und erwarteten Mustern unserer Gesellschaft. Worte kommen uns über die Lippen, die wir so nicht meinen. Eine blosse Floskel, schon 1000 Mal gehört und unzählige Male selber angewandt. Wieso wir das tun? Weil es sich so gehört.

Wir kennen es alle: das Telefonverhalten. „Vielen Dank für Ihren Anruf und einen schönen Nachmittag, Frau Müller.”Dann wird das Telefon aufgelegt. Nachdem der gute Herr die Frau Müller bereits zu Beginn des Telefonats mit Namen begrüsst hat und das durchaus noch als nett empfunden werden kann, ist das erneute Erwähnen des Namens beim Verabschieden einfach nur künstlich. Oder kennen Sie jemanden, der dies im echten Leben tut? Denken diese Leute, dass man nicht weiss, wie man heisst oder möchten sie bloss ihr gutes Gedächtnis unter Beweis stellen?

Am Abend ist es dann wieder mal so weit, eine Kollegin hat zu sich nach Hause eingeladen. Obwohl es immer eine lustige, lockere Runde ist, kann man nicht einfach so aufkreuzen. Ab einem gewissen Alter wird einfach ein Mitbringsel erwartet. Auf Platz 1 der Mitbringsel-Liste steht eine Flasche Wein. Nur welchen? Rot, weiss oder doch rosé? Ein billiger Fusel geht gar nicht, aber auch zu teuer darf er nicht sein. Es ist ja nur ein Mitbringsel und kein Geschenk. Wem das zu kompliziert ist, entscheidet sich für schönes aus der Flora vom Floristen. Nur blöd, dass man vergessen hat welche Blumen der Gastgeberin gefallen. Bleibt noch die letzte Option: Pralinés. Wer schon jemals ein anderes Mitbringsel erhalten hat, gehört zu einer raren Spezies.

Begrüssungsküsschen

Völlig erschöpft vom Mitbringsel-Auftreiben trifft man bei der Gastgeberin ein und gibt ihr und allen anderen Anwesenden drei Begrüssungsküsschen. Gemäss Wikipedia ist der Kuss „Ausdruck von Liebe, Freundschaft und Ehrerbietung.“ Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Sie irgendeines dieser Gefühle für jeden Geküssten empfinden? Wohl kaum, aber es gehört sich halt so. Wenn man Glück hat, hat sich übrigens jeder der Eingeladenen für ein anderes Mitbringsel entschieden, ansonsten steht man jetzt vor vier Flaschen Wein oder einem ganzen Blumengarten.

Nach dem Essen sieht man sich gemeinsam einen Film an. Mit mehreren Oscars ausgezeichnet, von diesem bekannten Regisseur, mit den noch berühmteren Schauspielern. Gesehen haben ihn sowieso schon alle – bis auf eine, die noch nie was vom Film, Regisseur oder den Schauspielern gehört hat. Das Entsetzen der anderen darüber ist gross. Es scheint geradezu ein gesellschaftlicher Affront zu sein, Wissensdefizite in der Film- (und Musik-) Industrie zu haben. Doch wie viele Leute haben Klassiker wie „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann oder „Die Räuber“ von Friedrich von Schiller gelesen? Eben und das stört kein Mensch. Liest man heutzutage ein Buch hört man Sätze wie „Oh, du hast sogar Zeit zum Lesen?“ Dass man anstelle des zweistündigen Films zum Buch greifen könnte, scheint undenkbar zu sein.

Zeit haben ist sowieso ein heikles Thema in unserer Gesellschaft. Alle sind immer verplant und im Stress. Es muss immer was los sein. Im Büro eine Sitzung mit fünf Leuten abmachen – ein wahres Kunststück. Von frühmorgens bis spätabends hat nie jemand Zeit. Unter Umständen könnten sie vielleicht ein kurzes Zeitfenster freischaufeln, aber nur wenn es wirklich nötig ist. Resultat: An der Sitzung wird jeder einzeln begrüsst (der Name wird natürlich nicht vergessen) und anschliessend folgt eine zehnminütige Dankesrede, wie super es sei, dass doch noch alle Zeit gefunden haben. Dann ist die Zeit leider schon um und man verabschiedet sich – namentlich.