Data Driven Journalism

In der modernen Welt gibt es viel zu viele Zahlen. “Visualisierung” ist das Kredo für jeden, der diese Daten ansprechend vermitteln will. Journalisten und Statistiker machen das schon seit Anbeginn der Presse. Heutzutage müssen aber auch Kreisdiagramme und Co. dem stetigen Novum der digitalen Informationsdarstellung Platz machen. Ein Überblick über Open Data und Datenjournalismus.

Zugmonitor

Zahlen bergen Geschichten. Die Grundidee des Datenjournalismus lässt sich einfach erklären: Es geht um das Handwerk, aus Rohdaten emotionale und informative Erkenntnisse zu ziehen und diese darzustellen. Dabei stützt sich die Branche auf das Gesetz für freie Informationen und die organisierte Form des Whistleblowings. Das Thema ist nicht neu, jedoch scheint es in der Schweiz gesellschaftlich noch nicht ganz verankert zu sein.

Das Beispiel WikiLeaks zeigt eindrücklich, wie gross das Bedürfnis der Menschen auf ungefilterte Informationen ist. Den Journalisten wird immer weniger blindlings vertraut, die Leser möchten die Zahlen und Fakten hinter der Geschichte sehen. Die Statistik gerät in den Hintergrund, die Leute wollen wissen, wie diese entstanden ist. Das ist der Ursprung der Open-Data-Bewegung. Der Begriff ist eher neu, die Idee nicht. Die allgemeine Zugänglichkeit von grossen Datenmengen hat aber auch dunkle Seiten. Eine davon ist die mangelnde Verständlichkeit. Hier kommen die Datenjournalisten ins Spiel. Sie nutzen immer vielseitigere Werkzeuge und bringen Daten in mehrstufigen Verfahren aufbereitet an den Mann. Sie schaffen es, durch transparente Arbeitsweise und Offenlegung der Rohdaten, das Vertrauen der Leserinnen und Leser zurückzugewinnen. Durch die Interaktivität wird eine Bindung zu den Lesern geschaffen. “The Guardian” hat das bewiesen, indem die Zeitung 2009 das Prinzip des Crowd-Sourcing nutzte. Sie liess ca. 500’000 Datensätze betreffend einen Spesenskandal aus Großbritannien von den Usern überprüfen.

Der Datenjournalist muss mehrere Fähigkeiten und Kompetenzen verbinden, um hochwertige Datenanalysen erstellen zu können. Er ist Journalist und Softwareentwickler zugleich. Auch grafisches Verständnis muss vorgewiesen werden können. Die Berufsgattung ist weiterhin in der Etablierungsphase. Einen Bachelor in dieser Richtung gibt es in der Schweiz noch nicht, aber es gibt Möglichkeiten auf Kurse, zum Beispiel am MAZ. Auch der Studiengang Informationswissenschaften der HTW Chur befasst sich mit diesem Thema.

Die Arbeitsweise des Datenjournalismus ändert sich, wie die Möglichkeiten mittels Software, stetig. Die Grundbausteine bleiben aber die Gleichen. Sie nehmen sich den riesigen Datenmengen (meist in Zusammenarbeit mit den Usern) und gehen analytisch vor, um die relevanten Informationen auszulesen. Hier kommen Kalkulationstools wie Excel zum Zug. Die Recherche macht einen Grossteil der Arbeit aus. Klassische Recherche spielt dabei ebenso eine Rolle wie das sogenannte “Web-Scraping”. Bei diesem Verfahren werden Informationen aus dem Internet nach vordefinierten Kriterien ausgeschürft. Programmiersprachen wie Ruby, Perl oder Python ermöglichen das. Im Prinzip wird ein Mensch simuliert, der auf Informationssuche ist.

Die Daten werden ausgewertet, kontrolliert und möglicherweise geparst (in weiterverarbeitbares Material umgewandelt). Das Resultat ist oft eine Grafik, da die Auswertung mit Worten nur sehr schwer beschreibbar ist. Optimalerweise ist eine Interaktion eingebaut, der User hat also nicht nur ein Bild. Gute Beispiele für solche Projekte sind auf opendatacity.de zu sehen.

Hier ein interessanter Film über Journalismus im Datenzeitalter:

Ab wann ist es Datenjournalismus? Gehören die beliebten Infografiken auch dazu?

Die Beantwortung dieser Fragen ist Definitionssache. Grundsätzlich ist jede Aufbereitung von Information zur Veröffentlichung Datenjournalismus. Zum modernen und professionellen Datenjournalismus gehört aber mehr dazu als das Darstellen von Informationen. Der ganze Prozess von der Verarbeitung der Datenberge, bis hin zur Applikation auf Websites oder mobilen Endgeräten ist Teil davon. Man kann auch nicht von modernem Datenjournalismus sprechen, wenn die Quellen nicht zugänglich sind.

An dieser Stelle stossen wir auf ein Phänomen, das uns im Internetzeitalter ständig verfolgt: Der Hype. Plötzlich sind die Newsportale überfüllt mit Informationsgrafiken. Die Grenze zwischen innovativem Datenjournalismus und grafischer Aufbereitung von Informationen verschwimmt. In der Schweiz hat die “Open”-Bewegung keinen so grossen Stellenwert wie zum Beispiel in den USA. Das liegt auch daran, dass wir transparenter organisierte Systeme haben. Es ist vielleicht aber auch die Natur des Schweizers, von Haus aus nicht sehr rebellisch orientiert zu sein.

Mit diesem Trend wird die Informationshierarchie verändert. Das Volk will die Deutung von Informationen selbst übernehmen, niemand soll Informationen vorbehalten oder deren Relevanz alleine bestimmen. Doch was bedeutet das für die Medienschaffenden? Wo wird unser Platz sein?